Immer beschweren sich alle über die Bahn. Über „Die Deutsche Bahn“. Beim Beschweren nennen sie gerne den vollen Namen. Ich beschwere mich nicht. Ich bedaure hin und wieder, dass ich zehn Minuten länger in der Kälte stehen muss, freue mich auch nicht, dass ich gleich meinen netten ICE verlassen muss, weil ich ausserplanmässig umsteigen muss, finde auch, dass Zug fahren in Deutschland sehr teuer ist, aber beschweren tue ich mich nicht. Bei wem auch? Wer ist denn Schuld? Wenn ein Zug Verspätung hat, dann kann doch nicht ein Mensch was dafür. Wenn er dann mehrmals Verspätung hat, hat scheinbar gleich ein ganzes Ding Schuld: Die Deutsche Bahn. Wer ist denn die Deutsche Bahn? Mit Sicherheit ist es nicht der Schaffner. Der sitzt doch im selben Boot wie wir. Schlimmer noch. Der hat nicht nur Verspätung wie wir, und somit einen längeren Arbeitstag, der muss dafür auch noch beschimpft werden. Und er muss am Verspätungstag zehnmal soviel erklären wie sonst. Ich könnte die Kette jetzt mal durchgehen, die Hierarchie-Leiter weiter hochklettern, um irgendwann beim Schuldigen anzukommen. Ich glaube, ich würde immer noch keinen finden.
In einem Unternehmen läuft doch auch nicht immer alles rund. Pannen gehören dazu. Das Schicksal haut uns doch immer mal wieder. Da geht was kaputt, da fehlt was, da hört man was nicht, da fehlt mir die Kraft, da verliere ich den Schlüssel, da habe ich mich verguckt, alles Dinge die passieren. Mal mehr mal weniger schuldig. Und selbst wenn Schuld, dann gibt es viel Schuld, die keine böse Schuld ist. Eine schicksalhafte Schuld.
Ich wollte aber eigentlich nur erzählen, wie gut es mir gerade geht. Hier in diesem Wagen der „Deutschen Bahn“. Draußen scheint die Sonne, mir freundlich ins Gesicht, draußen sind es böse Minusgrade, drinnen ist es freundlich warm. Eigentlich sollte ich im Wagen 31 sitzen. Aber der hat heute kältefrei. Wenn „mein“ Wagen, inklusive Sitzplatz fehlt, dann darf ich vielleicht in die erste Klasse? Ich darf. Ich ziehe meine Schuhe aus, schaue aus dem Fenster, genieße mein Butterbrot, alles ist ruhig und gut gelaunt und ich fühle mich wie in der Deutsche-Bahn-Werbung. Vielleicht sehe ich genauso schön aus, wie die Mutter, die mit ihrem attraktiven Mann und ihrem wohlerzogenen Kind am Deutsche-Bahn-Tisch sitzt und Memory spielt?
Neben mir wird telefoniert. Find ich gut. Was ich da so alles erfahre!
Oh, jetzt hat sie aufgehört. Da höre ich lieber mal auf mit diesem Blog. Sonst guckt sie nachher noch ab, liest meine Worte und fängt noch an, die Deutsche Bahn auch zu mögen. Dann wäre ich nicht mehr die absolute Minderheit.
Jetzt bietet sie mir ein Gummibärchen an. Ich muss Schluss machen.
Montag, 25. Januar 2010
Donnerstag, 31. Dezember 2009
Aus alt wird neu
Nun ist unser gutes 2009 plötzlich das alte Jahr geworden. Nicht mal ein Jahr alt geworden, und schon ist es alt. Und das Neue wartet gleich darauf das „Alte“ zu ersetzen.
Was heißt das denn für uns? Heute heißt das eine lange Party, Sekt trinken und bunte Lichter im Himmel angucken. Es heißt um Mitternacht Menschen zu umarmen und ein Gefühl zu teilen, dass etwas von Neulust und Aufbruch hat. Da sind neue Hoffnungen. Die Schulstunde ist zu Ende, der Gong tönt. Etwas ist geschafft, Ortswechsel, Zeitwechsel. Wir schreiben eine neue Zahl. 2010 schreibt sich gut, hab schon ein paar Schönschriftversuche gemacht.
Und dann, nach der langen Nacht, kommt ein später Morgen. Er ist immer grau, und fühlt sich immer gleich an: Neujahr. Der 1. Januar. Das kann kein guter Tag sein. Alles, was am Vortag noch wie ein Geschenk von etwas Neuem war, wo sich Vorsätze gut anfühlten und Hoffnungen real schienen, kommt nun die graue Realität. Nun gilts! Und wo soll man an einem grauen, verkaterten Feiertag, von dem, aus man in einen grauen, kalten Januar, plus Februar, blickt, bloß die Kraft und den Mut hernehmen die Vorsätze und die Neulust zu bewahren??! Die Uhr wird neu aufgezogen. Wieder beginnt sie von vorne ihr TickTack, und am ersten Januar gibt es so Momente, wo man gerne mal ein paar TickTack-freie Momente hätte.
So geht es zumindest mir.
Ein schönes Ritual, das ich mir angewöhnt habe, ist, am ersten Januar meinen Jahresrückblick zu schreiben. Kann ich nur empfehlen. Ich gehe die einzelnen Phasen des letzten Jahres durch. Hinterher wird ein dickes Paket daraus. Das alte Jahr, nun festverschnürt, habe ich es noch mal gepackt, und nun bleibt es da und ich bin bereit für das Neue.
Den zwei oder drei Lesern meines Blogs wünsche ich einen guten Übergang! Eure Neulust soll sich nicht durch den Kater und das Loch des ersten Januars trüben lassen. Und dann auf in eine neue Maßeinheit, an deren Ende wir wieder mit einem Glas Sekt stehen und mal schauen, was wir draus gemacht haben. Macht was Schönes draus!
Was heißt das denn für uns? Heute heißt das eine lange Party, Sekt trinken und bunte Lichter im Himmel angucken. Es heißt um Mitternacht Menschen zu umarmen und ein Gefühl zu teilen, dass etwas von Neulust und Aufbruch hat. Da sind neue Hoffnungen. Die Schulstunde ist zu Ende, der Gong tönt. Etwas ist geschafft, Ortswechsel, Zeitwechsel. Wir schreiben eine neue Zahl. 2010 schreibt sich gut, hab schon ein paar Schönschriftversuche gemacht.
Und dann, nach der langen Nacht, kommt ein später Morgen. Er ist immer grau, und fühlt sich immer gleich an: Neujahr. Der 1. Januar. Das kann kein guter Tag sein. Alles, was am Vortag noch wie ein Geschenk von etwas Neuem war, wo sich Vorsätze gut anfühlten und Hoffnungen real schienen, kommt nun die graue Realität. Nun gilts! Und wo soll man an einem grauen, verkaterten Feiertag, von dem, aus man in einen grauen, kalten Januar, plus Februar, blickt, bloß die Kraft und den Mut hernehmen die Vorsätze und die Neulust zu bewahren??! Die Uhr wird neu aufgezogen. Wieder beginnt sie von vorne ihr TickTack, und am ersten Januar gibt es so Momente, wo man gerne mal ein paar TickTack-freie Momente hätte.
So geht es zumindest mir.
Ein schönes Ritual, das ich mir angewöhnt habe, ist, am ersten Januar meinen Jahresrückblick zu schreiben. Kann ich nur empfehlen. Ich gehe die einzelnen Phasen des letzten Jahres durch. Hinterher wird ein dickes Paket daraus. Das alte Jahr, nun festverschnürt, habe ich es noch mal gepackt, und nun bleibt es da und ich bin bereit für das Neue.
Den zwei oder drei Lesern meines Blogs wünsche ich einen guten Übergang! Eure Neulust soll sich nicht durch den Kater und das Loch des ersten Januars trüben lassen. Und dann auf in eine neue Maßeinheit, an deren Ende wir wieder mit einem Glas Sekt stehen und mal schauen, was wir draus gemacht haben. Macht was Schönes draus!
Sonntag, 27. Dezember 2009
Das war Weihnachten
Das war`s. Weihnachten liegt hinter uns. Und ich liege im Bett und bin schwermütig. Ich sollte etwas schreiben, das hilft meistens. Nach so vielen Tagen, an denen man nichts tat, was den Geist so erfreute, wie Schreiben das vermag, fühle ich mich ein wenig hohl.
Ich könnte an den heiligen Abend zurückwandern, der ist ja auch noch nicht verarbeitet. Der Tag fing schön, sehr schön an, mit einem Text, der mir zu schreiben guttat, und einem Gefühl, was zwar weihnachtlich passend mit Liebe zu tun hatte, aber auch an jedem anderen Tag hätte geschrieben werden können.
Ich ging auf die Strasse, radelte durch die halbe Stadt, und es entstand nicht das mir so bekannte Gefühl von „Heute ist was Besonderes- Du weißt es doch auch?!“ Ich spürte nicht in jeder Zelle „Heilig Abend“ und die anderen Menschen sahen auch nicht nach „Heilig Abend“ aus. Nicht jeder Schritt, den man tat, war ein Heilig Abend-Schritt, nicht jedes Brot, dass man kaufte ein Heilig-Abend-Brot. Und es war gut so. Ich vermisste die „Heute ist was besonderes und alle spüren es!“ - Stimmung nicht.
Sie stellte sich auch nach fünf Stunden festliche Weine verkaufen und „Frohe Weihnachten“ wünschen nicht ein.
Am Nachmittag, auf dem Heimweg, waren alle Schritte getan, alle Brote gekauft, es waren kaum noch Menschen unterwegs. Nach Tagen der Rennerei, der vollen Strassen, vollen Geschäfte, vollen Tüten, war es plötzlich still geworden. Irgendwo läuteten Kirchenglocken.
Ein Jogger lief mir entgegen. Eine Gruppe türkischer Jugendlicher isst Döner. Heilig Abend?
Ich ging zu einem kleinen Bahnhof und wartete auf meinen Zug. In jedem Vierersitz sassen Menschen. Mir schräg gegenüber saß ein Paar. Asiaten, vielleicht Japaner, vielleicht 30 Jahre alt. Er hatte eine Mc Donald s Tüte auf dem Schoß, und verschlang irgendwas von deren Inhalt. Sie schaute ihn dabei mit einem immer wieder angewiderten Blick an. Ich weiß nicht, ob das mit dem Inhalt der Mc Donalds-Tüte oder dem Gespräch zusammenhing. Wo fahren die beiden hin? Am Heilig Abend.
Ich fuhr geradewegs in die Kirche. Dort traf ich meine Mutter und Bruder. Und viele Menschen, die kirchenfreundlich still waren, in dicken Winterjacken, mit frisch geföhnten Haaren. Warten, bis der Gottesdienst anfängt. Alles schläft, einer wacht. Alles still, einer spricht. Das war ich. Hatte meine Mutter doch paar Tage nicht gesprochen.
Dann spricht der Pastor. Den mag ich. Ein ganz alter Mann, mit ganz weißen Haaren und ganz blauen Augen. Ein sehr liebevoller, sanfter Mensch. Er freut sich am Fest, und an uns, seinen Gästen sagt nicht: „Heute an Weihnachten sind dann doch mal wieder die Kirche voll.“ Er sagt: „Alle sind so brav, vor allem die Kleinen. Hier in der ersten Reihe sitzt so einer. Ich suchte immer seinen Blick, wollte ihm zuwinken. Aber er ist so brav und still, er sieht mich gar nicht.“
Er erinnert uns an die, die gerade nicht hier sein können. Weil sie krank sind. Oder auch weil sie die Kirche vergessen haben.
Ich bekomme feuchte Augen. Weihnachten. Macht einen so sentimental.
Stille Nacht begleitet den Weißhaarigen mit seinem Gefolge hinaus. Gottesdienst vorbei. Ich drehe mich zu meiner Mutter. „Frohe Weihnachten“, sagt sie und gibt mir die Hand. Ich muss sie feste umarmen. „Frohe Weihnachten und viel Kraft!“ wünsche ich ihr, denn die kann sie gerade gut gebrauchen. Wenn man Tränen in den Augen hat, muss man so was sagen.
Beim Hinausgehen kommen wir an meinen lieben Pastor vorbei. Er sitzt dort auf seinem Rollator und schüttelt jedem die Hand. Ich habe Glück, bekomme seine beiden Hände. „Uh, so kalte Hände. Warum das denn?“ fragt er mich und wir lächeln uns mit den Augen an.
Draußen umarme ich meinen Bruder. Fester als sonst.
Ich hole mein Handy aus der Tasche. Es kündigt mir eine Nachricht an. „Weihnachten ist Liebe“ steht darin. Geschrieben von dem, an den ich zwischen Stiller Nacht und Halleluja, zwischen Föhnfrisuren und dem Friedenszeichen, zwischen Tränen und einem offenen Herzen, am meisten gedacht habe.
Ich könnte an den heiligen Abend zurückwandern, der ist ja auch noch nicht verarbeitet. Der Tag fing schön, sehr schön an, mit einem Text, der mir zu schreiben guttat, und einem Gefühl, was zwar weihnachtlich passend mit Liebe zu tun hatte, aber auch an jedem anderen Tag hätte geschrieben werden können.
Ich ging auf die Strasse, radelte durch die halbe Stadt, und es entstand nicht das mir so bekannte Gefühl von „Heute ist was Besonderes- Du weißt es doch auch?!“ Ich spürte nicht in jeder Zelle „Heilig Abend“ und die anderen Menschen sahen auch nicht nach „Heilig Abend“ aus. Nicht jeder Schritt, den man tat, war ein Heilig Abend-Schritt, nicht jedes Brot, dass man kaufte ein Heilig-Abend-Brot. Und es war gut so. Ich vermisste die „Heute ist was besonderes und alle spüren es!“ - Stimmung nicht.
Sie stellte sich auch nach fünf Stunden festliche Weine verkaufen und „Frohe Weihnachten“ wünschen nicht ein.
Am Nachmittag, auf dem Heimweg, waren alle Schritte getan, alle Brote gekauft, es waren kaum noch Menschen unterwegs. Nach Tagen der Rennerei, der vollen Strassen, vollen Geschäfte, vollen Tüten, war es plötzlich still geworden. Irgendwo läuteten Kirchenglocken.
Ein Jogger lief mir entgegen. Eine Gruppe türkischer Jugendlicher isst Döner. Heilig Abend?
Ich ging zu einem kleinen Bahnhof und wartete auf meinen Zug. In jedem Vierersitz sassen Menschen. Mir schräg gegenüber saß ein Paar. Asiaten, vielleicht Japaner, vielleicht 30 Jahre alt. Er hatte eine Mc Donald s Tüte auf dem Schoß, und verschlang irgendwas von deren Inhalt. Sie schaute ihn dabei mit einem immer wieder angewiderten Blick an. Ich weiß nicht, ob das mit dem Inhalt der Mc Donalds-Tüte oder dem Gespräch zusammenhing. Wo fahren die beiden hin? Am Heilig Abend.
Ich fuhr geradewegs in die Kirche. Dort traf ich meine Mutter und Bruder. Und viele Menschen, die kirchenfreundlich still waren, in dicken Winterjacken, mit frisch geföhnten Haaren. Warten, bis der Gottesdienst anfängt. Alles schläft, einer wacht. Alles still, einer spricht. Das war ich. Hatte meine Mutter doch paar Tage nicht gesprochen.
Dann spricht der Pastor. Den mag ich. Ein ganz alter Mann, mit ganz weißen Haaren und ganz blauen Augen. Ein sehr liebevoller, sanfter Mensch. Er freut sich am Fest, und an uns, seinen Gästen sagt nicht: „Heute an Weihnachten sind dann doch mal wieder die Kirche voll.“ Er sagt: „Alle sind so brav, vor allem die Kleinen. Hier in der ersten Reihe sitzt so einer. Ich suchte immer seinen Blick, wollte ihm zuwinken. Aber er ist so brav und still, er sieht mich gar nicht.“
Er erinnert uns an die, die gerade nicht hier sein können. Weil sie krank sind. Oder auch weil sie die Kirche vergessen haben.
Ich bekomme feuchte Augen. Weihnachten. Macht einen so sentimental.
Stille Nacht begleitet den Weißhaarigen mit seinem Gefolge hinaus. Gottesdienst vorbei. Ich drehe mich zu meiner Mutter. „Frohe Weihnachten“, sagt sie und gibt mir die Hand. Ich muss sie feste umarmen. „Frohe Weihnachten und viel Kraft!“ wünsche ich ihr, denn die kann sie gerade gut gebrauchen. Wenn man Tränen in den Augen hat, muss man so was sagen.
Beim Hinausgehen kommen wir an meinen lieben Pastor vorbei. Er sitzt dort auf seinem Rollator und schüttelt jedem die Hand. Ich habe Glück, bekomme seine beiden Hände. „Uh, so kalte Hände. Warum das denn?“ fragt er mich und wir lächeln uns mit den Augen an.
Draußen umarme ich meinen Bruder. Fester als sonst.
Ich hole mein Handy aus der Tasche. Es kündigt mir eine Nachricht an. „Weihnachten ist Liebe“ steht darin. Geschrieben von dem, an den ich zwischen Stiller Nacht und Halleluja, zwischen Föhnfrisuren und dem Friedenszeichen, zwischen Tränen und einem offenen Herzen, am meisten gedacht habe.
Freitag, 11. Dezember 2009
Nachts
Nur kurz heute. man muss sich ja auch mal kurz fassen. Kleine Gedanken einstreuen, das sollte ich mir eh mal angewöhnen hier.
Ich konnte heute nacht nicht schlafen. Also trieb ich mich im Internet rum. Ich war auf einer Community-Seite und plötzlich fiel mir auf, dass ich dort nicht alleine war. Es war vier Uhr Nachts und 6735 Leute sind online. Nur auf einer Seite. Kann das sein? Hat sich da jemand verzählt? Vielleicht bin ich naiv zu denken, dass die Menschen gegen zwölf ins Bett gehen, dort mit dem Kopf auf dem Kissen bleiben bis vielleicht sieben Uhr morgens, und das einzige, was sie in der Zwischenzeit erlebt haben, ihre Träume sind. Ich frage mich, was das für Menschen sind, die die Nacht wie den Tag verleben. Schlaflose? Arbeitslose? Leidenschaftliche?
Ich glaube, das nimmt mich deshalb so mit weil ich das Gefühl habe, die Welt hat ein Geheimnis vor mir.
Kann irgendjemand das verstehen?
Ich konnte heute nacht nicht schlafen. Also trieb ich mich im Internet rum. Ich war auf einer Community-Seite und plötzlich fiel mir auf, dass ich dort nicht alleine war. Es war vier Uhr Nachts und 6735 Leute sind online. Nur auf einer Seite. Kann das sein? Hat sich da jemand verzählt? Vielleicht bin ich naiv zu denken, dass die Menschen gegen zwölf ins Bett gehen, dort mit dem Kopf auf dem Kissen bleiben bis vielleicht sieben Uhr morgens, und das einzige, was sie in der Zwischenzeit erlebt haben, ihre Träume sind. Ich frage mich, was das für Menschen sind, die die Nacht wie den Tag verleben. Schlaflose? Arbeitslose? Leidenschaftliche?
Ich glaube, das nimmt mich deshalb so mit weil ich das Gefühl habe, die Welt hat ein Geheimnis vor mir.
Kann irgendjemand das verstehen?
Sonntag, 15. November 2009
Dankbar
Ich habe lange nichts mehr geschrieben. Und habe sogar schon Beschwerden darüber erhalten. Naja eine Beschwerde. Aber ich selber beschwere mich auch. Bei mir. Schreiben ist auch immer eine Herausforderung. Es soll ja was herauskommen, was mir gefällt. Und die Gefahr, dass mir das nicht gelingt, ist immer da.
Sei s drum (dieser Ausdruck gefällt mir hier und jetzt), jetzt schreibe ich.
Wieder einmal habe ich kein Thema parat. Wieder einmal ist eigentlich nicht richtig. Denn wenn ich hier was für den Blog schreibe, dann doch meistens aus einem Motiv heraus. Der Fotograph hat das Motiv bereits vor Augen, jetzt gilt es, dieses zu fixieren.
Als ich mich eben auf dem Weg in dieses Café befand, dachte ich darüber nach, welches mein Motiv sein könnte. Mir ist eingefallen, dass ich mich gerade sehr dankbar fühle. Die Dinge, für die ich dankbar bin, könnte ich doch eigentlich gut mal „in die Welt“ schreiben.
Gestern war mir etwas mulmig. Ich hatte den ersten Tag in einem vielleicht neuen, kleinen Job. In einem neuen, kleinen Café wollte ich gerne mitarbeiten. Am ersten Tag fühlt man sich erstmal wenig wohl. „Die Neue“ ist eine schlechte Rolle. Aber es ging alles sehr gut. Ich legte den Unsicherheitsmantel schnell ab, und machte einfach. Ich versuchte das Zögern aus den Bewegungen zu nehmen. „Das ist dein erster Tag heute? Du bist wie gemacht für diesen Ort!“ sagten mir Gäste. Wer zögert da noch lange. Ich zögerte, meine neue Chefin zu umarmen. Und dann tat sie es. Dafür bin ich dankbar.
Heute war ich inmitten meiner Familie. Das ist kein grosses Ding. Da sind meine Eltern und meine Grosseltern. Mein Bruder gehört auch noch zu dem Paket, aber der war heute nicht dabei. Opa hat Geburtstag. Wir sind bei der Oma im Altenheim und trinken Kaffe und essen Kuchen. Opa ist für seine Jahre noch ganz schlagfertig. „Wie alt bist du nun eigentlich geworden?“ „39“, sagt der 93-Jährige.
Irgendwie ist alles gut. Wenn auch die Oma so still ist. Der Opa auch wieder grosse, zum x-ten Mal wiederholte Reden schwingt. Der Papa uns mit seinen Fragen traurig oder genervt stimmt, weil er uns wieder bewusst macht, dass er alt geworden ist. Die Mama angespannt den Tisch deckt und die Augen über des Mannes unmündiges Verhalten rollt. So ist doch alles gut. Ich habe sie alle lieb, und sie haben mich alle lieb (bei dem Opa bin ich mir nicht so sicher, aber ich habe Zeit genug gehabt mich damit abzufinden). Sie haben mich sogar so lieb, dass sie nicht wollen, dass ich nachher am kalten, dunklen Bahnsteig auf einen Zug warten muss, und nehmen einen grossen Umweg in Kauf und fahren mich nach Hause.
Ich bin dankbar für meine Familie.
Heute morgen war ich beim Yoga. Der Körper macht brav mit. Er dehnt sich soweit, wie ich es von ihm verlange. Wenn er ziept, dann soll er seine Ruhe haben. Wir sind gute Kumpels. Dafür bin ich dankbar.
Nachher schmolz ich in die Sauna-Holzbänke und dann in die weichen Polster des Liegestuhls. Wir können uns so wohl fühlen, Ich spüre die Wärme und Weichheit immer noch. Dafür bin ich dankbar.
Gerade ist es so mild draussen. Je weniger kalte Tage der Winter hat, umso besser. Dafür bin ich dankbar.
Ich trinke gerade ein kleines Glas Weißwein. So ein kleines Glas Wein fühlt sich in Körper und Geist sehr angenehm an. Ein ähnliches Verschmelzen wie in der warmen Sauna entsteht. Meine Beine verschmelzen in meinen Knien, meine Augen in ihren Kuhlen, mein Atem in meinem warmen Körper. Der Geist verschmilzt mit seiner Umgebung. Die Musik und die Stimmen um mich herum, in diesem sonntagvorabendlichruhigem Café verwabern sich, mein Blick fixiert sich, da wo er sich sonst nicht zu ruhen erlaubt, manche Fragen stellt man sich einfach nicht mehr. Dafür bin ich dankbar.
Ich bin dankbar, dass ich auf diesem feinen Computer tippen darf, der mir von einem sehr feinen Menschen geschenkt wurde.
Ich bin dankbar, dass ich diese Hose tragen kann, weil ich sie auf einem Flohmarkt für wenige Euro fand. Ebenso die Schuhe. Und die Bluse. Ich bin dankbar für meinen Spürsinn. Oder für den Typ da oben, der die Fäden zieht, und mich so oft im richtigen Moment an die richtige Stelle lenkt. Ich bin dankbar, dass ich diese Intuition fühlen kann.
Ich bin dankbar, dass der Yoga-Lehrer uns heute morgen so eine lange End-Entspannung gegönnt hat, und mit langem Atem den ganzen Körper mit uns durchgegangen ist.
Ich bin dankbar, dass ich ihm dafür gedankt habe. Und dass er sich bei mir dafür bedankt hat.
Ich bin dankbar dafür, dass ich am heutigen Sonntagabend nicht mit Grummeln an die bevorstehende Woche denken muss.
Ich bin dankbar, dass ich in einer Stunde die Treppe in meinem Haus hinuntersteige, und mit meinen befreundeten Nachbarn/benachbarten Freunden, gemeinsam „Tatort“ schauen werde. Wir könnten auch „Musikantenstadl“ anschauen, mir egal, ich freue mich einfach mit diesen Menschen so etwas wie Familie zu fühlen.
Wird es langsam kitschig? Zuviel des Dankens? Es gibt da ein Kirchenlied. Es kann eigentlich nur evangelisch sein. Es geht so: „Danke für diesen guten Morgen, Danke für jeden neuen Tag, Danke (für dies und jenes, habe ich vergessen)... Danke, dass ich danken kann.“ Kennt das jemand? Musste ich gerade dran denken.
Na gut, ich höre auf. Wird jetzt eh Zeit. Gleich kommt Tatort.
Sei s drum (dieser Ausdruck gefällt mir hier und jetzt), jetzt schreibe ich.
Wieder einmal habe ich kein Thema parat. Wieder einmal ist eigentlich nicht richtig. Denn wenn ich hier was für den Blog schreibe, dann doch meistens aus einem Motiv heraus. Der Fotograph hat das Motiv bereits vor Augen, jetzt gilt es, dieses zu fixieren.
Als ich mich eben auf dem Weg in dieses Café befand, dachte ich darüber nach, welches mein Motiv sein könnte. Mir ist eingefallen, dass ich mich gerade sehr dankbar fühle. Die Dinge, für die ich dankbar bin, könnte ich doch eigentlich gut mal „in die Welt“ schreiben.
Gestern war mir etwas mulmig. Ich hatte den ersten Tag in einem vielleicht neuen, kleinen Job. In einem neuen, kleinen Café wollte ich gerne mitarbeiten. Am ersten Tag fühlt man sich erstmal wenig wohl. „Die Neue“ ist eine schlechte Rolle. Aber es ging alles sehr gut. Ich legte den Unsicherheitsmantel schnell ab, und machte einfach. Ich versuchte das Zögern aus den Bewegungen zu nehmen. „Das ist dein erster Tag heute? Du bist wie gemacht für diesen Ort!“ sagten mir Gäste. Wer zögert da noch lange. Ich zögerte, meine neue Chefin zu umarmen. Und dann tat sie es. Dafür bin ich dankbar.
Heute war ich inmitten meiner Familie. Das ist kein grosses Ding. Da sind meine Eltern und meine Grosseltern. Mein Bruder gehört auch noch zu dem Paket, aber der war heute nicht dabei. Opa hat Geburtstag. Wir sind bei der Oma im Altenheim und trinken Kaffe und essen Kuchen. Opa ist für seine Jahre noch ganz schlagfertig. „Wie alt bist du nun eigentlich geworden?“ „39“, sagt der 93-Jährige.
Irgendwie ist alles gut. Wenn auch die Oma so still ist. Der Opa auch wieder grosse, zum x-ten Mal wiederholte Reden schwingt. Der Papa uns mit seinen Fragen traurig oder genervt stimmt, weil er uns wieder bewusst macht, dass er alt geworden ist. Die Mama angespannt den Tisch deckt und die Augen über des Mannes unmündiges Verhalten rollt. So ist doch alles gut. Ich habe sie alle lieb, und sie haben mich alle lieb (bei dem Opa bin ich mir nicht so sicher, aber ich habe Zeit genug gehabt mich damit abzufinden). Sie haben mich sogar so lieb, dass sie nicht wollen, dass ich nachher am kalten, dunklen Bahnsteig auf einen Zug warten muss, und nehmen einen grossen Umweg in Kauf und fahren mich nach Hause.
Ich bin dankbar für meine Familie.
Heute morgen war ich beim Yoga. Der Körper macht brav mit. Er dehnt sich soweit, wie ich es von ihm verlange. Wenn er ziept, dann soll er seine Ruhe haben. Wir sind gute Kumpels. Dafür bin ich dankbar.
Nachher schmolz ich in die Sauna-Holzbänke und dann in die weichen Polster des Liegestuhls. Wir können uns so wohl fühlen, Ich spüre die Wärme und Weichheit immer noch. Dafür bin ich dankbar.
Gerade ist es so mild draussen. Je weniger kalte Tage der Winter hat, umso besser. Dafür bin ich dankbar.
Ich trinke gerade ein kleines Glas Weißwein. So ein kleines Glas Wein fühlt sich in Körper und Geist sehr angenehm an. Ein ähnliches Verschmelzen wie in der warmen Sauna entsteht. Meine Beine verschmelzen in meinen Knien, meine Augen in ihren Kuhlen, mein Atem in meinem warmen Körper. Der Geist verschmilzt mit seiner Umgebung. Die Musik und die Stimmen um mich herum, in diesem sonntagvorabendlichruhigem Café verwabern sich, mein Blick fixiert sich, da wo er sich sonst nicht zu ruhen erlaubt, manche Fragen stellt man sich einfach nicht mehr. Dafür bin ich dankbar.
Ich bin dankbar, dass ich auf diesem feinen Computer tippen darf, der mir von einem sehr feinen Menschen geschenkt wurde.
Ich bin dankbar, dass ich diese Hose tragen kann, weil ich sie auf einem Flohmarkt für wenige Euro fand. Ebenso die Schuhe. Und die Bluse. Ich bin dankbar für meinen Spürsinn. Oder für den Typ da oben, der die Fäden zieht, und mich so oft im richtigen Moment an die richtige Stelle lenkt. Ich bin dankbar, dass ich diese Intuition fühlen kann.
Ich bin dankbar, dass der Yoga-Lehrer uns heute morgen so eine lange End-Entspannung gegönnt hat, und mit langem Atem den ganzen Körper mit uns durchgegangen ist.
Ich bin dankbar, dass ich ihm dafür gedankt habe. Und dass er sich bei mir dafür bedankt hat.
Ich bin dankbar dafür, dass ich am heutigen Sonntagabend nicht mit Grummeln an die bevorstehende Woche denken muss.
Ich bin dankbar, dass ich in einer Stunde die Treppe in meinem Haus hinuntersteige, und mit meinen befreundeten Nachbarn/benachbarten Freunden, gemeinsam „Tatort“ schauen werde. Wir könnten auch „Musikantenstadl“ anschauen, mir egal, ich freue mich einfach mit diesen Menschen so etwas wie Familie zu fühlen.
Wird es langsam kitschig? Zuviel des Dankens? Es gibt da ein Kirchenlied. Es kann eigentlich nur evangelisch sein. Es geht so: „Danke für diesen guten Morgen, Danke für jeden neuen Tag, Danke (für dies und jenes, habe ich vergessen)... Danke, dass ich danken kann.“ Kennt das jemand? Musste ich gerade dran denken.
Na gut, ich höre auf. Wird jetzt eh Zeit. Gleich kommt Tatort.
Dienstag, 6. Oktober 2009
WinterZeit
Ich bin enttäuscht. Zufällig werde ich heute um kurz vor sieben wach. Blöd, denke ich, ich hätte doch schön noch ne Stunde schlafen können. Gut, denke ich, dann höre ich gleich wenigstens noch mal die „Machste mir nen Kaffee fertig“-Stimme. Es wird halb sieben, ich lausche. Nichts passiert. Ich denke mir, das muss an der Jahreszeit liegen. Es ist jetzt plötzlich dunkel morgens um halb sieben, und kalt ist es auch. Vermutlich steht der Kioskbesitzer nicht mehr wartend auf „Machste mir nen Kaffee fertig“ vor seinem Laden. Er hat vermutlich nicht mal mehr seine Tür offenstehen. Das heißt „Machste mir nen Kaffee fertig“ muss jetzt eintreten und dort seine Worte sagen. Die höre ich dann nicht mehr. Schade. Der Winter ändert wirklich alles.
Es geht auf sieben Uhr an, plötzlich höre ich „Nen Kaffee!“ Das ist die Stimme. Gleich darauf höre ich die Autotür, und dann höre ich etwas, was ich nicht hören mag. Er hustet und räuspert sich, zieht hoch und spuckt aus. Igittigittiggitttt! Das mag ich gar nicht. Alles wird anders im bösen Winter: Auf halb sieben ist kein Verlass mehr, es ist selbst um sieben noch dunkel, die Stimme sagt nicht mehr den üblichen Satz, ist wohl auch wintermäßig gelaunt und hat nur noch Energie für „nen Kaffee!“ und dann rotzt er auch noch.
Es wird Zeit, dass ich die Meine mal sinnvoller nutze.
Es geht auf sieben Uhr an, plötzlich höre ich „Nen Kaffee!“ Das ist die Stimme. Gleich darauf höre ich die Autotür, und dann höre ich etwas, was ich nicht hören mag. Er hustet und räuspert sich, zieht hoch und spuckt aus. Igittigittiggitttt! Das mag ich gar nicht. Alles wird anders im bösen Winter: Auf halb sieben ist kein Verlass mehr, es ist selbst um sieben noch dunkel, die Stimme sagt nicht mehr den üblichen Satz, ist wohl auch wintermäßig gelaunt und hat nur noch Energie für „nen Kaffee!“ und dann rotzt er auch noch.
Es wird Zeit, dass ich die Meine mal sinnvoller nutze.
Mittwoch, 30. September 2009
Adieu Weisheit!
Gestern ist was passiert! Gestern hat schon Tage vorher Schatten geworfen, die nur durch konzentriertes Nicht-dran-Denken weggepustet werden konnten. Ich musste zum Zahnarzt. Gestern. 14 Uhr. Zuvor stand ich noch auf dem Markt. Ganz banal, zusammen mit so vielen anderen. Ich bekomme heute einen Zahn gezogen. Ich machte Gymnastik zusammen mit anderen. Wie jeden Dienstag. Am Morgen vor einem normalen Dienstag. Ist kein normaler Dienstag. Heute ist Zahnarzt-Dienstag. Weisheitszahnziehdienstag.
14 Uhr. Ich stehe am Pult, vor der Zahnarzthelferin. „Hallo, ich habe jetzt einen Termin.“ Sie blättert hin und her, schaut und schaut, sagt: „Sie stehen hier heute nicht drin. Sie sind für nächsten Dienstag eingetragen.“ Nein, nein, nein, das geht nicht. Ich habe mich mental darauf vorbereitet, dass es heute sein wird. Ich habe nicht nur mich, sondern sämtliche liebe, sorgenvolle Freunde und Mutter, darauf vorbereitet. Ich war auf dem Markt und dachte an Zahnarzt. Ich war beim Sport und dachte an Zahnarzt. Ich kann jetzt nicht heimgehen, mit diesem Zahn im Mund. Vor allem, nicht mit dem Gefühl, es hinter mich gebracht zu haben. „Dann muss das ein Missverständnis sein. Ich bin ganz sicher, dass ihre Kollegin mir diesen Termin gemacht hat.“ „Gut, dann nehmen Sie im Wartezimmer Platz. Es kann aber eine Weile dauern.“ Oje, noch länger warten. Alle, die wissen, dass ich um 14 Uhr auf dem Stühlchen sitzen werde, müssten nun eigentlich informiert werden, dass sie nicht umsonst an mich denken sollen. Kaum zu Ende gedacht, sagt jemand: „Frau Schmitz bitte.“ Schmitz bin ich. Kann aber nicht ich gemeint sein. Ich muss doch noch warten. Schmitz heißt ja auch hier in dieser Stadt jeder Zehnte. Es steht aber niemand auf. Na gut, wenn sonst kein Schmitz will, dann geh ich eben. Soll ja auch keiner meinen Zahn gezogen bekommen. Wobei, wenn das jemand anderes für mich erledigen könnte, wäre das eine feine Sache.
Ich sitze auf dem blauen Stuhl und Herr Doktor setzt sich neben mich. Klingt gemütlich. Aber jeder weiß, dass das Bild trügt. Herr Doktor setzt die Spritze in meinen Hals, warnt, dass es jetzt unangenehm ist, und lobt, dass ich nicht mal mit der Wimper gezuckt habe. „Ich bin Zahnarzt-Profi,“ protze ich. Nachdem ich noch ein paar Minuten mit meinem scheinbar gewaltig anschwellenden Rachen alleine bleiben darf, kommt er wieder und legt sich schon ins Zeug. Ins Zeug ist in dem Fall mein Mund. Er macht irgendwas. Ich höre ein leichtes Knirschen und dann seine Stimme: „So, das war s.“ „Machen Sie Witze?“ würde ich gerne sagen, wenn ich etwas artikulieren könnte. Er sagt „Auf Wiedersehen“ und ich will ihn nicht gehen lassen. Er kann doch noch nicht fertig sein?! Das hat jetzt nicht mal fünf Minuten gedauert. Ich habe ungefähr 4 Tage lang Schatten weggepustet für nicht mal fünf Minuten Tortur!? Und es war noch nicht mal Tortur. Er lässt sich von mir nicht mehr in ein Gespräch verwickeln, ist schon aus dem Raum. Die Sprechstundenhilfe kann so schnell nicht weg, muss ja noch aufräumen. Ich sitze immer noch auf dem Stuhl und bin verwirrt. Ich erzähle ihr, dass ich verwirrt bin, dass mir das jetzt alles zu schnell ging. Gott sei Dank entdecke ich meinen Zahn. Er liegt blutig und einsam auf dem Tabletttisch. Den will ich mitnehmen. Dann habe ich wenigstens was Greifbares, wenn schon die Erinnerung aufgrund der geringen Zeit nichts hergeben wird. Ich kann die Sprechstundenhilfe nicht länger aufhalten. Sie hat auch überhaupt keine Lust auf mich. Meine Verwirrung findet sie weder lustig, noch interessant. Also muss ich gehen.
Jetzt eigentlich fängt erst das Unangenehme an. Ich beisse brav die Zähne zusammen, um damit den blutsaugenden Wattebausch festzuhalten. Es ist eklig. Alles schmeckt nach Blut. Ich denke an Tampons. Tampon im Mund, muss sich wohl so anfühlen. Solche Gedanken kann ich nur haben, weil ich gerade Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ gelesen habe.
Nach ner halben Stunde soll der Tampon raus. Stundenlang blutet es nach, und ich hoffe, dass das alles normal ist. Wenigstens bleibt das Blut in mir, ich verliere kein Blut, denke ich. Ich trinke es ja gleich wieder. Das ist wohl ziemlich naiv gedacht. Und klingt auch wieder sehr nach Charlotte bzw. Helen.
Irgendwann ist der Zahn nicht mehr im Vordergrund. Der Blutgeschmack nicht mehr so präsent. Ich traue mich mal mit der Zunge an den Krater. Und irgendwann habe ich mich auch an den gewöhnt. Alles gut. Ein Freund sagt mir, nun käme die Zahnfee. Das klingt gut.
Nun brauche ich noch einen Schlusssatz. Will mir keiner einfallen.
Dann lasse ich euch eben genauso perplex stehen, wie der Herr Doktor mich hat stehen lassen.
14 Uhr. Ich stehe am Pult, vor der Zahnarzthelferin. „Hallo, ich habe jetzt einen Termin.“ Sie blättert hin und her, schaut und schaut, sagt: „Sie stehen hier heute nicht drin. Sie sind für nächsten Dienstag eingetragen.“ Nein, nein, nein, das geht nicht. Ich habe mich mental darauf vorbereitet, dass es heute sein wird. Ich habe nicht nur mich, sondern sämtliche liebe, sorgenvolle Freunde und Mutter, darauf vorbereitet. Ich war auf dem Markt und dachte an Zahnarzt. Ich war beim Sport und dachte an Zahnarzt. Ich kann jetzt nicht heimgehen, mit diesem Zahn im Mund. Vor allem, nicht mit dem Gefühl, es hinter mich gebracht zu haben. „Dann muss das ein Missverständnis sein. Ich bin ganz sicher, dass ihre Kollegin mir diesen Termin gemacht hat.“ „Gut, dann nehmen Sie im Wartezimmer Platz. Es kann aber eine Weile dauern.“ Oje, noch länger warten. Alle, die wissen, dass ich um 14 Uhr auf dem Stühlchen sitzen werde, müssten nun eigentlich informiert werden, dass sie nicht umsonst an mich denken sollen. Kaum zu Ende gedacht, sagt jemand: „Frau Schmitz bitte.“ Schmitz bin ich. Kann aber nicht ich gemeint sein. Ich muss doch noch warten. Schmitz heißt ja auch hier in dieser Stadt jeder Zehnte. Es steht aber niemand auf. Na gut, wenn sonst kein Schmitz will, dann geh ich eben. Soll ja auch keiner meinen Zahn gezogen bekommen. Wobei, wenn das jemand anderes für mich erledigen könnte, wäre das eine feine Sache.
Ich sitze auf dem blauen Stuhl und Herr Doktor setzt sich neben mich. Klingt gemütlich. Aber jeder weiß, dass das Bild trügt. Herr Doktor setzt die Spritze in meinen Hals, warnt, dass es jetzt unangenehm ist, und lobt, dass ich nicht mal mit der Wimper gezuckt habe. „Ich bin Zahnarzt-Profi,“ protze ich. Nachdem ich noch ein paar Minuten mit meinem scheinbar gewaltig anschwellenden Rachen alleine bleiben darf, kommt er wieder und legt sich schon ins Zeug. Ins Zeug ist in dem Fall mein Mund. Er macht irgendwas. Ich höre ein leichtes Knirschen und dann seine Stimme: „So, das war s.“ „Machen Sie Witze?“ würde ich gerne sagen, wenn ich etwas artikulieren könnte. Er sagt „Auf Wiedersehen“ und ich will ihn nicht gehen lassen. Er kann doch noch nicht fertig sein?! Das hat jetzt nicht mal fünf Minuten gedauert. Ich habe ungefähr 4 Tage lang Schatten weggepustet für nicht mal fünf Minuten Tortur!? Und es war noch nicht mal Tortur. Er lässt sich von mir nicht mehr in ein Gespräch verwickeln, ist schon aus dem Raum. Die Sprechstundenhilfe kann so schnell nicht weg, muss ja noch aufräumen. Ich sitze immer noch auf dem Stuhl und bin verwirrt. Ich erzähle ihr, dass ich verwirrt bin, dass mir das jetzt alles zu schnell ging. Gott sei Dank entdecke ich meinen Zahn. Er liegt blutig und einsam auf dem Tabletttisch. Den will ich mitnehmen. Dann habe ich wenigstens was Greifbares, wenn schon die Erinnerung aufgrund der geringen Zeit nichts hergeben wird. Ich kann die Sprechstundenhilfe nicht länger aufhalten. Sie hat auch überhaupt keine Lust auf mich. Meine Verwirrung findet sie weder lustig, noch interessant. Also muss ich gehen.
Jetzt eigentlich fängt erst das Unangenehme an. Ich beisse brav die Zähne zusammen, um damit den blutsaugenden Wattebausch festzuhalten. Es ist eklig. Alles schmeckt nach Blut. Ich denke an Tampons. Tampon im Mund, muss sich wohl so anfühlen. Solche Gedanken kann ich nur haben, weil ich gerade Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ gelesen habe.
Nach ner halben Stunde soll der Tampon raus. Stundenlang blutet es nach, und ich hoffe, dass das alles normal ist. Wenigstens bleibt das Blut in mir, ich verliere kein Blut, denke ich. Ich trinke es ja gleich wieder. Das ist wohl ziemlich naiv gedacht. Und klingt auch wieder sehr nach Charlotte bzw. Helen.
Irgendwann ist der Zahn nicht mehr im Vordergrund. Der Blutgeschmack nicht mehr so präsent. Ich traue mich mal mit der Zunge an den Krater. Und irgendwann habe ich mich auch an den gewöhnt. Alles gut. Ein Freund sagt mir, nun käme die Zahnfee. Das klingt gut.
Nun brauche ich noch einen Schlusssatz. Will mir keiner einfallen.
Dann lasse ich euch eben genauso perplex stehen, wie der Herr Doktor mich hat stehen lassen.
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