Ich lüge, wenn ich diesen Blog so nenne. Denn ich sitze im Zug, und fahre rückwärts. Das heißt, Paris liegt mir nicht im Rücken, sondern vor mir. Aber es passt so gut, darum gönne ich mir jetzt mal so etwas wie dichterische Freiheit.
Ich bin froh, dass ich mit jedem Kilometer Paris ferner, und Köln näher komme. Ich weiß nicht, wem ich dafür die Schuld geben soll. Paris oder mir. Ist Paris einfach schrecklich laut, dreckig, hektisch, vollgestopft, stereotyp und ermüdend, oder will ich Paris so sehen? Macht die Stadt mich missmutig, angespannt, gestresst und leicht ängstlich, oder kommt das aus meiner Sicht auf die Stadt. Gibt es da wieder nur einen Schalter, den ich umlegen könnte? Lauter Fragen, auf die ich die Antworten ehrlich gesagt, bereits kenne. Ja, ich bin Schuld, dass ich Paris ins schlechte Licht stelle, denn ich will es so sehen. Ja, ich könnte die vielen Menschen auch anders betrachten, auch die lauten Farbigen, die schubsenden Pariser, die prolligen Marokkaner. Ich könnte sie alle lieb haben, und dann würde ich auch kein Unwohlsein mehr empfinden. Ich könnte den Menschen in die vollgequetschte Metro vorlassen, anstatt mich selber zu quetschen. Der bettelnden Zigeunerin, könnte ich auf ihr „Speaking english?“ antworten „Non. Francais?“ und ihr damit auf nette Art den Wind aus den Segeln nehmen. Ich könnte langsam gehen. Ich könnte lächeln. Tout simplement. Und damit hätte ich wohl den Schalter schon umgelegt.
Aber um nicht nur mit mir zu hadern, muss ich auch mal en schönsten Moment des Tages festhalten. Einen „Schalter-Moment“. Ich stehe am Gare du Nord und warte auf meinen Zug. Ich sehe einen Clochard, der mir schon vor ein paar Tagen aufgefallen war. Er ist rappeldünn, ein Skelett, und sucht in den Mülleimern nach Essensresten. Ich hatte neulich ein halbes, nicht aufgegessenes Sandwich in der Tasche. Ich hätte es ihm geben wollen. Aber ich habe es nicht gemacht. Mir fehlte der Mut. Warum Mut? Wovor Angst? Angst, dass er es mir um die Ohren haut. Angst, etwas zu machen, worauf die anderen aufmerksam werden.
Heute sah ich ihn also wieder, und das war wohl meine zweite Gelegenheit. Ich hatte einen Kinderriegel in der Tasche, der mir nicht sehr am Herzen lag. Er hing wieder tief in einer Mülltonne drin, als ich mich zu ihm runterbeugte und fragte: „Vous mangez du chocolat?“ Ich weiß gar nicht ob er was geantwortet hat, es war ja auch nicht wirklich eine Frage. Ich gab ihm den Riegel und ging ein paar Meter weg. Ich beobachtete ihn. Er lehnte sich an die Tonne, und packte den Riegel gleich aus. Das Papier warf er in den Mülleimer und er aß, nicht mal sehr hektisch und ausgehungert, sondern fast anmutig. Als er ihn auf hatte, beugte er sich wieder in den Mülleimer, und angelte einen Becher heraus, nahm den Deckel ab und trank den letzen Schluck, der wohl noch darin war.
Ich kamenTränen in die Augen.
Ich freute mich, dass ich mich getraut habe, aber gleichzeitig tat er mir so leid. Wie anders sieht sein Leben aus! Wie schmeckt ein Schokoriegel, wenn man seit Tagen nichts mehr gegessen hat!? Dieser Mann führt das Leben eines Tieres, immer auf Nahrungssuche. Mit dem Unterschied, dass das Tier nicht am Rande steht und von den anderen missachtet wird.
Und dass das Tier in den meisten Fällen so was wie eine Familie hat.
Sonntag, 20. September 2009
Montag, 14. September 2009
Was ich sehe
Meine Begeisterung für die Stadt, deren Name träumen lässt, ist irgendwie verschwunden. Ich finde sie nicht wieder. Obwohl ich an den schönsten Ecken nach ihr gesucht habe. Am Place des Vosges, im Innenhof des schönen schwedischen Kulturinstituts, in meinem Lieblingskaufhaus, sie bleibt unauffindbar.
Die besonderen Momente, die ich manchmal hier erlebe, spielten sich dort auch nicht ab. Doch, einen gab es. Im Bus. Mittlerweile fast mein Lieblings-Ort in Paris. Schön langsam wird man an allem vorbeigefahren. Ist mittendrin, so eng sind manchmal die Strassen, so nah die Fußgänger und das Leben vor der Scheibe. Die Busfahrer sind erstaunlich freundlich und die Passagiere im Bus wirken entspannt. Darum nehmen sie wohl auch den Bus. Wären sie gehetzt nähmen sie die schnelle Metro.
Ich steige also in den Bus, zusammen mit anderen. Der Bus ist dreiviertel voll. Ich sitze und neben mir steuern zwei ältere Menschen auf die Sitzbank an. Sie kommt von hinten, er von vorne. Sie lässt ihn vor. Er zögert. Will durchrutschen ans Fenster, schaut aber noch um sich nach einem, ihm sympathischeren Platz. „Ah non, je vais là,“ sagt er und will sich an ihr vorbeidrücken an einen Platz weiter hinten. Dann überlegt er es sich noch mal und will doch auf die Sitzbank neben mich, wo die Frau immer noch von seinen Launen hin und herbewegt wird. Sie lässt ihn also durchrutschen, sagt aber noch: „C est votre dernier mot?“ Toll!! Ich bin begeistert. „Ist das ihr letztes Wort?“ fragt sie ihn. Nicht kampflustig, ganz sachlich, und damit hat sie vollkommen recht. Das liebe ich an den Parisern. Sie sprechen. Sie sprechen mit Fremden. Das passiert uns doch eher selten. Da muss uns schon jemand auf dem Fuß stehen, bevor wir ihn ansprechen. Ay!
Die besonderen Momente, die ich manchmal hier erlebe, spielten sich dort auch nicht ab. Doch, einen gab es. Im Bus. Mittlerweile fast mein Lieblings-Ort in Paris. Schön langsam wird man an allem vorbeigefahren. Ist mittendrin, so eng sind manchmal die Strassen, so nah die Fußgänger und das Leben vor der Scheibe. Die Busfahrer sind erstaunlich freundlich und die Passagiere im Bus wirken entspannt. Darum nehmen sie wohl auch den Bus. Wären sie gehetzt nähmen sie die schnelle Metro.
Ich steige also in den Bus, zusammen mit anderen. Der Bus ist dreiviertel voll. Ich sitze und neben mir steuern zwei ältere Menschen auf die Sitzbank an. Sie kommt von hinten, er von vorne. Sie lässt ihn vor. Er zögert. Will durchrutschen ans Fenster, schaut aber noch um sich nach einem, ihm sympathischeren Platz. „Ah non, je vais là,“ sagt er und will sich an ihr vorbeidrücken an einen Platz weiter hinten. Dann überlegt er es sich noch mal und will doch auf die Sitzbank neben mich, wo die Frau immer noch von seinen Launen hin und herbewegt wird. Sie lässt ihn also durchrutschen, sagt aber noch: „C est votre dernier mot?“ Toll!! Ich bin begeistert. „Ist das ihr letztes Wort?“ fragt sie ihn. Nicht kampflustig, ganz sachlich, und damit hat sie vollkommen recht. Das liebe ich an den Parisern. Sie sprechen. Sie sprechen mit Fremden. Das passiert uns doch eher selten. Da muss uns schon jemand auf dem Fuß stehen, bevor wir ihn ansprechen. Ay!
Sonntag, 13. September 2009
Wo ich bin
Und es passiert noch was.
Derselbe Raum, aber ein komplett neues Ambiente. In Brüssel steigen plötzlich Massen von Passagieren in unser ruhiges, rotes, Zugwägelchen, wo ich gerade beschlossen hatte, ein wenig die Augen zu schließen. Plötzlich aber sind wieder viele Stimmen um mich. Ich kann mich nur noch zurücksehnen nach französisch sprechenden Rentnern. Auch wenn die nicht so meine Themen besprachen, dann gaben die mir doch ein besseres Gefühl, als die vielen neuen, bunten Passagieren. Was ich von diesen gerade vorrangig mitbekomme, ist eine Stimme, die aus einem rotgeschminkten, dicklippigen Mund kommt. Sie spricht englisch, aber mit starkem Akzent. Manchmal spricht sie auch ein paar französische Worte, aber auch da setzt er sich durch: der afrikanische Akzent. Sie wird ständig angerufen. Vermutlich von einem Mann, der irgendwo in Paris in seiner Wohnung hockt und ganz schön scharf auf diese kleine, schmale Afrikanerin, in ihrem tigergemusterten, hautengen Oberteil, ist. Sie hört nicht auf, ihm zu sagen, dass sie müde ist, erst spät ankommen wird, einen langen Tag hatte, an dem alles schief lief, dass sie müde ist, dass sie heute nicht mehr will.
Nun spricht sie mit ihren Sitznachbarn. Und hier geht das Licht aus. Technisches Problem. Wir stehen immer noch in Brüssel-Zuid. Schon zwanzig Minuten. Ich hoffe, die Afrikanerin mit dem Tag, an dem alles schief lief, bringt ihr Unglück nicht mit in den Zug.
Dass sie müde ist, kann ich ihr nicht wirklich glauben. Lebhaft erzählt sie den Menschen um sich herum aus ihrem Leben. Ich höre keine anderen Stimmen, nur ihre. Sie braucht keinen Gegenspieler für ihr Match.
Ihre Stimme brennt sich in mir fest. Sie erzählt irgendwas von „Tam Tam“, ein Wort, dass für irgendetwas steht. Was, das kann ich leider nicht verstehen. Sie sagt es ständig. Lacht dabei. Diese zwei Worte und ihr Lachen werde ich noch tagelang erinnern können. Wie ein Musikstück, an das man denkt, und gleich mit komplettem Orchester im Ohr hat.
Meinen letzten Blog beendete ich, indem ich sagte: Eine gute Einstimmung auf Paris. Um ehrlich zu sein, das war die romantische Einstimmung auf Paris. Auf das Paris der Touristen, auf das Vorzeige-Paris, das Saubere und Harmonische, das Akkordeon-Paris. Ein Paris, in dem Franzosen leben.
Die Zugatmosphäre ab Brüssel stimmt mich ein, auf das echte Paris. Auf das bunte Paris. Auf das Paris, dass sich Franzosen mit Afrikanern, Marokkanern, Asiaten, teilen. Hier sind sie alle versammelt und so fühlt sich Paris an. Nicht im ersten, zweiten und nicht in den meisten einstelligen Arrondissements. Aber da, wo die blendende Schönheit von Paris aufhört, da fängt das an, was auch zu Paris gehört: ein bunter Ameisenhaufen.
Derselbe Raum, aber ein komplett neues Ambiente. In Brüssel steigen plötzlich Massen von Passagieren in unser ruhiges, rotes, Zugwägelchen, wo ich gerade beschlossen hatte, ein wenig die Augen zu schließen. Plötzlich aber sind wieder viele Stimmen um mich. Ich kann mich nur noch zurücksehnen nach französisch sprechenden Rentnern. Auch wenn die nicht so meine Themen besprachen, dann gaben die mir doch ein besseres Gefühl, als die vielen neuen, bunten Passagieren. Was ich von diesen gerade vorrangig mitbekomme, ist eine Stimme, die aus einem rotgeschminkten, dicklippigen Mund kommt. Sie spricht englisch, aber mit starkem Akzent. Manchmal spricht sie auch ein paar französische Worte, aber auch da setzt er sich durch: der afrikanische Akzent. Sie wird ständig angerufen. Vermutlich von einem Mann, der irgendwo in Paris in seiner Wohnung hockt und ganz schön scharf auf diese kleine, schmale Afrikanerin, in ihrem tigergemusterten, hautengen Oberteil, ist. Sie hört nicht auf, ihm zu sagen, dass sie müde ist, erst spät ankommen wird, einen langen Tag hatte, an dem alles schief lief, dass sie müde ist, dass sie heute nicht mehr will.
Nun spricht sie mit ihren Sitznachbarn. Und hier geht das Licht aus. Technisches Problem. Wir stehen immer noch in Brüssel-Zuid. Schon zwanzig Minuten. Ich hoffe, die Afrikanerin mit dem Tag, an dem alles schief lief, bringt ihr Unglück nicht mit in den Zug.
Dass sie müde ist, kann ich ihr nicht wirklich glauben. Lebhaft erzählt sie den Menschen um sich herum aus ihrem Leben. Ich höre keine anderen Stimmen, nur ihre. Sie braucht keinen Gegenspieler für ihr Match.
Ihre Stimme brennt sich in mir fest. Sie erzählt irgendwas von „Tam Tam“, ein Wort, dass für irgendetwas steht. Was, das kann ich leider nicht verstehen. Sie sagt es ständig. Lacht dabei. Diese zwei Worte und ihr Lachen werde ich noch tagelang erinnern können. Wie ein Musikstück, an das man denkt, und gleich mit komplettem Orchester im Ohr hat.
Meinen letzten Blog beendete ich, indem ich sagte: Eine gute Einstimmung auf Paris. Um ehrlich zu sein, das war die romantische Einstimmung auf Paris. Auf das Paris der Touristen, auf das Vorzeige-Paris, das Saubere und Harmonische, das Akkordeon-Paris. Ein Paris, in dem Franzosen leben.
Die Zugatmosphäre ab Brüssel stimmt mich ein, auf das echte Paris. Auf das bunte Paris. Auf das Paris, dass sich Franzosen mit Afrikanern, Marokkanern, Asiaten, teilen. Hier sind sie alle versammelt und so fühlt sich Paris an. Nicht im ersten, zweiten und nicht in den meisten einstelligen Arrondissements. Aber da, wo die blendende Schönheit von Paris aufhört, da fängt das an, was auch zu Paris gehört: ein bunter Ameisenhaufen.
Wo bin ich?
Viele schreiben ihre Blogs von unterwegs. Ich mach das jetzt auch mal. Ein Reisebericht. Wie langweilig. Mal sehen, was daraus wird. Damit es nicht so langweilig wird, mache ich ein Ratespiel: Wo bin ich? Um mich herum ist es rötlich. Das liegt am Abendrot, aber auch an dem roten Stoff um mich herum. Vor mir, neben mir, und unter meinem Po. Oben ist es grau, auf dem Boden auch. Grauer Teppichboden. Es ist nicht still. Ich höre ständig Stimmen. Obwohl es hier heute überraschend leer ist. Das habe ich so leer noch nicht erlebt. Aber vier Menschen sitzen sich gegenüber und unterhalten sich so, als bemerkten sie gar nicht, dass wir anderen ihnen zuhören können. Die Stimmen sprechen französisch. Hier sind überhaupt viele fremdsprachige Stimmen. Oft kommen Durchsagen. Erst auf deutsch, dann auf französisch, auf holländisch und letztlich, falls immer noch nicht für jeden die richtige Sprache dabei war, auf englisch.
Das war jetzt ein ziemlich guter Hinweis. Ist schon klar geworden, wo ich mich befinde. Ich könnte an der nächsten Station aussteigen, dann wäre ich in einer Kurstadt. Dort, wo Kaiser Karls Gebeine in der Kirche liegen. Vermutlich die zu allererst aufgeführte Stadt im deutschen Städteverzeichnis.
Würde ich weiterfahren bis zum nächsten Halt, und angenommen, es wäre Sonntag, dann könnte ich auf einen riesigen Flohmarkt gehen. Hier heißt er wohl eher Marché aux Puces.
Keine Lust auf Flohmarkt? Dann weiter zum nächsten Stopp. Hier stehen metallische Gerüste herum, hier pieseln kleine Männchen in Brunnen und mehr Tipps braucht es wohl jetzt nicht. Ich fahre aber weiter bis zur Endstation, und die heißt: Paris.
Ich musste ein Weilchen aufhören. Wer das liest, merkt es nicht, außer daran, dass ich vom Themenfluß abkomme. Ich musste aufhören, weil die Landschaft gerade so schön ist. Kaum hinter Aachen ist die Landschaft wunderschön. Hügelig und waldig (waldig-das Wort gibt es nicht, oder?! Gefällt mir aber), Kühe und charmante Bauernhöfe, Hecken, die die Wiesen abteilen und das alles im Abend-Sonnenlicht.
Aber zurück in den Zug. Denn die Stimmung hier gefällt mir, inspiriert. Diese vier Menschen, deren Stimmen ich wie einen ständigen Fluss um mich habe, gehören zwei Paaren. Es sind Franzosen, Renter aus der gut situierten Bildungsschicht. Eigentlich kann es gar nicht anders sein, als das die beiden Männer ihr Berufsleben als Lehrer oder Dozent verbracht haben.
Ihre Frauen vermutlich Hausfrauen, oder halbtags Beschäftigte in einem Büro, immer gerne an der Seite des Ehemannes, um diesen ins Museum, Theater und in den Konzertsaal zu begleiten. Am Tisch spricht man über das gute Essen und gute Restaurants, die man zu besuchen plant. Nach Tisch gibt es einen Cognac für ihn, einen Kräutertee für sie, und man unterhält sich über Kultur. So wie jetzt. Ich höre selten in einer Stunde so viele Namen von Architekten, Malern, Verstorbenen, von Städten und deren Museen und Bauwerken.
Ich habe das Glück auf einen 1A-Steretypen getroffen zu sein. Beigefarbene Jacketts für die Männer und braun karierte Hosen. Koffer in grün mit Lederriemen eingefasst. Die Frauen kann ich leider nicht sehen. Nur hören. Mit hohen Stimmen höre ich: „Oui, oui, oui.“ Oder „Ah ca!“ „Eh oui“. Sie sind eigentlich nur Hintergrundmusik für die Männerworte.
Ich habe einen Riesen-Vorteil. Ich kann die Stimmen ausschalten. Ich höre sie, aber ich muss ihnen nicht zuhören. Würden sie deutsch sprechen, wäre das nicht möglich. Ich kann es wie einen Schalter ein- und ausschalten. Hinhören. Weghören. Arme Franzosen, die hier versammelt sind, die werden die ganze Zeit beschallt. Aber vielleicht haben die auch so einen Schalter.
Oha!! Die Herrschaften stehen auf (zehn Minuten vor Liège). Sind gar keine Franzosen. Belgier. Schade, als französische Bourgeois, passten sie viel besser in meine Clichée-Schublade. Die Stimmen werden mir fehlen. War eine gute Einstimmung auf Paris.
Es wird langsam dunkel. Gleich acht Uhr. Im Dunkeln Zug fahren finde ich schrecklich. Im Hellen wunderbar. Mit der Landschaft ziehen auch meine Gedanken. Manchmal fühle ich mich dabei wie in einem Musikvideo. So als sähe ich mich von außen, und schaue mir zu, wie ich nachdenklich aus dem Fenster schaue.
Wenn es aber dunkel ist, sehe ich nur mich, wenn ich aus dem Fenster schaue. Das sieht längst nicht so schön aus, wie die sich ständig bewegende Landschaft.
Ich muss noch ein wenig volltanken und aus dem Fenster schauen, bevor das Fenster zum Spiegel wird. Kleine Pause also (die wieder niemand merkt).
Vielleicht sollte ich meinen Bericht auch ganz beenden. Wenn man einen blog liest, will man wohl lieber kurze Texte, sonst traut man sich erst gar nicht ran.
Ich kann ja morgen weiter schreiben.
Oder einen neuen Blog beginnen. Dann gibt es einen aus dem hellen Zug mit den französischen Belgiern, und einen aus dem dunklen Zug ohne Bildungsangebot. Mal sehen, was noch kommt...
Das war jetzt ein ziemlich guter Hinweis. Ist schon klar geworden, wo ich mich befinde. Ich könnte an der nächsten Station aussteigen, dann wäre ich in einer Kurstadt. Dort, wo Kaiser Karls Gebeine in der Kirche liegen. Vermutlich die zu allererst aufgeführte Stadt im deutschen Städteverzeichnis.
Würde ich weiterfahren bis zum nächsten Halt, und angenommen, es wäre Sonntag, dann könnte ich auf einen riesigen Flohmarkt gehen. Hier heißt er wohl eher Marché aux Puces.
Keine Lust auf Flohmarkt? Dann weiter zum nächsten Stopp. Hier stehen metallische Gerüste herum, hier pieseln kleine Männchen in Brunnen und mehr Tipps braucht es wohl jetzt nicht. Ich fahre aber weiter bis zur Endstation, und die heißt: Paris.
Ich musste ein Weilchen aufhören. Wer das liest, merkt es nicht, außer daran, dass ich vom Themenfluß abkomme. Ich musste aufhören, weil die Landschaft gerade so schön ist. Kaum hinter Aachen ist die Landschaft wunderschön. Hügelig und waldig (waldig-das Wort gibt es nicht, oder?! Gefällt mir aber), Kühe und charmante Bauernhöfe, Hecken, die die Wiesen abteilen und das alles im Abend-Sonnenlicht.
Aber zurück in den Zug. Denn die Stimmung hier gefällt mir, inspiriert. Diese vier Menschen, deren Stimmen ich wie einen ständigen Fluss um mich habe, gehören zwei Paaren. Es sind Franzosen, Renter aus der gut situierten Bildungsschicht. Eigentlich kann es gar nicht anders sein, als das die beiden Männer ihr Berufsleben als Lehrer oder Dozent verbracht haben.
Ihre Frauen vermutlich Hausfrauen, oder halbtags Beschäftigte in einem Büro, immer gerne an der Seite des Ehemannes, um diesen ins Museum, Theater und in den Konzertsaal zu begleiten. Am Tisch spricht man über das gute Essen und gute Restaurants, die man zu besuchen plant. Nach Tisch gibt es einen Cognac für ihn, einen Kräutertee für sie, und man unterhält sich über Kultur. So wie jetzt. Ich höre selten in einer Stunde so viele Namen von Architekten, Malern, Verstorbenen, von Städten und deren Museen und Bauwerken.
Ich habe das Glück auf einen 1A-Steretypen getroffen zu sein. Beigefarbene Jacketts für die Männer und braun karierte Hosen. Koffer in grün mit Lederriemen eingefasst. Die Frauen kann ich leider nicht sehen. Nur hören. Mit hohen Stimmen höre ich: „Oui, oui, oui.“ Oder „Ah ca!“ „Eh oui“. Sie sind eigentlich nur Hintergrundmusik für die Männerworte.
Ich habe einen Riesen-Vorteil. Ich kann die Stimmen ausschalten. Ich höre sie, aber ich muss ihnen nicht zuhören. Würden sie deutsch sprechen, wäre das nicht möglich. Ich kann es wie einen Schalter ein- und ausschalten. Hinhören. Weghören. Arme Franzosen, die hier versammelt sind, die werden die ganze Zeit beschallt. Aber vielleicht haben die auch so einen Schalter.
Oha!! Die Herrschaften stehen auf (zehn Minuten vor Liège). Sind gar keine Franzosen. Belgier. Schade, als französische Bourgeois, passten sie viel besser in meine Clichée-Schublade. Die Stimmen werden mir fehlen. War eine gute Einstimmung auf Paris.
Es wird langsam dunkel. Gleich acht Uhr. Im Dunkeln Zug fahren finde ich schrecklich. Im Hellen wunderbar. Mit der Landschaft ziehen auch meine Gedanken. Manchmal fühle ich mich dabei wie in einem Musikvideo. So als sähe ich mich von außen, und schaue mir zu, wie ich nachdenklich aus dem Fenster schaue.
Wenn es aber dunkel ist, sehe ich nur mich, wenn ich aus dem Fenster schaue. Das sieht längst nicht so schön aus, wie die sich ständig bewegende Landschaft.
Ich muss noch ein wenig volltanken und aus dem Fenster schauen, bevor das Fenster zum Spiegel wird. Kleine Pause also (die wieder niemand merkt).
Vielleicht sollte ich meinen Bericht auch ganz beenden. Wenn man einen blog liest, will man wohl lieber kurze Texte, sonst traut man sich erst gar nicht ran.
Ich kann ja morgen weiter schreiben.
Oder einen neuen Blog beginnen. Dann gibt es einen aus dem hellen Zug mit den französischen Belgiern, und einen aus dem dunklen Zug ohne Bildungsangebot. Mal sehen, was noch kommt...
Mittwoch, 2. September 2009
Geburtstag
Ich werde wach, und das letzte, was ich noch weiß, ist, dass ich auf meinem tollen neuen Fahrrad fuhr und neben mir fuhr ein Mann auf seinem Rad. Er strampelte recht kräftig und fragte in welchem Gang ich denn unterwegs sei. „Ach, erst im fünften (von acht),“ antworte ich. Er schnauft. Ich bin stolz. Hinter uns nähert sich eine weitere Radfahrerin. Auch sie spricht mich an: „Hey, wie groß bist du?“ Sie meint mich. „Du bist ganz schön groß, oder?“ Sie spricht mit einem französischen Akzent. Ich steige ab, sie auch, und wir stellen fast, dass ich gar nicht so groß bin. Wir stehen vor ihrem Second-Hand-Mode- Laden und sie sagt zu mir: „Ich habe ein Paar Söckchen für dich. Die passen sonst niemandem. Die sind ganz bunt.“ Bunte Socken trage ich nicht. Ich gehe mit ihr in den Laden. Die Frau ist nett. Sie findet die Socken nicht, holt eine Kladde hervor und blättert darin. Sie will mein Geburtsdatum wissen: 2. September, sage ich. Heute. Und werde wach.
Es wird langsam hell. Mein Wunsch ging in Erfüllung. Und die Wettervorhersage auch: ein wolkenloser Himmel verspricht zumindest erste sonnige Stunden an diesem Tag. Meinem Tag, der mir bisher gar nicht so wahnsinnig wichtig erscheint. Immer denkt man, man sei anders als die anderen. Ich habe mich immer gewundert, dass für meine Eltern und Grosseltern der Geburtstag gar nicht mal so bedeutsam war wie für mich. Ich wollte immer am liebsten mit einem Schild um mich herum laufen, auf dem steht: Heute ist mein Geburtstag. Kindern zieht man ja zu diesem Tag auch gerne eine Krone auf. Die könnte ich auch tragen. Eigentlich bis heute. Wenn ich mich gleichzeitig auch lächerlich fühlen würde mit Krönchen. Dennoch ist sie in den Jahren etwas verpufft: die Geburtstags-Euphorie. Klar, als Kind ist Geburtstag was ganz besonderes, als Erwachsener lässt das nach. Nein, nein, nein, bei mir nicht. Da war ich ganz sicher.
Das hätte ich nicht gedacht, dass ich einmal Geburtstage erlebe, an dem ich nicht in jeder Sekunde „Geburtstag! Geburtstag! Geburtstag!“ fühle. Der Tag, an dem dir alles erlaubt ist. Wenn ein Spiel gespielt wird, durftest du anfangen. Wenn du dich dreckig machtest, war es ganz egal. Du konntest an diesem Tag jeglichen Mist machen, du wurdest freigesprochen. Alle hatten dich lieb. So kam es mir zumindest vor. Vielleicht hat deshalb der Reiz des Erwachsenen-Geburtstages nachgelassen: Man hat keine Krone mehr auf. Die anderen haben einen nicht mehr lieb als sonst. Man spielt eben keine Spiele mehr, haut nicht mehr auf Pappmaché-Figuren, bis die Bonbons rausfallen, zieht nicht mehr sein Lieblingssommerkleid an, auch wenn es draußen 15 Grad sind, UND: man bläst keine Kerzen mehr aus. Hey, was ist das eigentlich für eine blöde Entwicklung?! Wann hat man aufgehört Kerzen auf den Kuchen zu stellen? Nur weil man plötzlich über 30 Kerzen auf den Kuchen quetschen müsste? Hey, dann soll der Kuchen halt größer werden.
Das ist es! Ich habe verstanden, warum das Geburtstagsgefühl verschwindet. Es liegt nicht an unserer Unfähigkeit die kindliche Freude zu entwickeln. Wir werden einfach nicht mehr „hochgelebt“. „Hoch, soll sie leben, hoch soll sie leben, dreimal hoch. Hoch! Hoch!“ sang man im Kindergarten und wurde auf seinem Stühlchen in die Luft gehoben. Ja, macht man das mit Erwachsenen??? Warum nicht? Kein Wunder, dass wir dem kindlichen Geburtstagsgefühl nachtrauern. Wenn ich mal Kinder habe, dann bekommen die auch mit 40 noch ne Torte, und ein Geburtstagsritual, dass nur uns gehört, und dass wir solange wir gemeinsam Geburtstag feiern können, und es wollen, zelebrieren! So!
Das hätte ich verstanden. Ich werde jetzt aus diesem Bett aussteigen und mich auf den Weg an den See machen. Da ist zwar niemand, der mich hochleben lässt, aber dort lasse ich erstmal die Welt hochleben. Ich kann ja den Vögeln zuzwitschern, dass heute mein Geburtstag ist. Aber ich glaube sie wissen das schon. Tiere spüren so etwas ;)
Es wird langsam hell. Mein Wunsch ging in Erfüllung. Und die Wettervorhersage auch: ein wolkenloser Himmel verspricht zumindest erste sonnige Stunden an diesem Tag. Meinem Tag, der mir bisher gar nicht so wahnsinnig wichtig erscheint. Immer denkt man, man sei anders als die anderen. Ich habe mich immer gewundert, dass für meine Eltern und Grosseltern der Geburtstag gar nicht mal so bedeutsam war wie für mich. Ich wollte immer am liebsten mit einem Schild um mich herum laufen, auf dem steht: Heute ist mein Geburtstag. Kindern zieht man ja zu diesem Tag auch gerne eine Krone auf. Die könnte ich auch tragen. Eigentlich bis heute. Wenn ich mich gleichzeitig auch lächerlich fühlen würde mit Krönchen. Dennoch ist sie in den Jahren etwas verpufft: die Geburtstags-Euphorie. Klar, als Kind ist Geburtstag was ganz besonderes, als Erwachsener lässt das nach. Nein, nein, nein, bei mir nicht. Da war ich ganz sicher.
Das hätte ich nicht gedacht, dass ich einmal Geburtstage erlebe, an dem ich nicht in jeder Sekunde „Geburtstag! Geburtstag! Geburtstag!“ fühle. Der Tag, an dem dir alles erlaubt ist. Wenn ein Spiel gespielt wird, durftest du anfangen. Wenn du dich dreckig machtest, war es ganz egal. Du konntest an diesem Tag jeglichen Mist machen, du wurdest freigesprochen. Alle hatten dich lieb. So kam es mir zumindest vor. Vielleicht hat deshalb der Reiz des Erwachsenen-Geburtstages nachgelassen: Man hat keine Krone mehr auf. Die anderen haben einen nicht mehr lieb als sonst. Man spielt eben keine Spiele mehr, haut nicht mehr auf Pappmaché-Figuren, bis die Bonbons rausfallen, zieht nicht mehr sein Lieblingssommerkleid an, auch wenn es draußen 15 Grad sind, UND: man bläst keine Kerzen mehr aus. Hey, was ist das eigentlich für eine blöde Entwicklung?! Wann hat man aufgehört Kerzen auf den Kuchen zu stellen? Nur weil man plötzlich über 30 Kerzen auf den Kuchen quetschen müsste? Hey, dann soll der Kuchen halt größer werden.
Das ist es! Ich habe verstanden, warum das Geburtstagsgefühl verschwindet. Es liegt nicht an unserer Unfähigkeit die kindliche Freude zu entwickeln. Wir werden einfach nicht mehr „hochgelebt“. „Hoch, soll sie leben, hoch soll sie leben, dreimal hoch. Hoch! Hoch!“ sang man im Kindergarten und wurde auf seinem Stühlchen in die Luft gehoben. Ja, macht man das mit Erwachsenen??? Warum nicht? Kein Wunder, dass wir dem kindlichen Geburtstagsgefühl nachtrauern. Wenn ich mal Kinder habe, dann bekommen die auch mit 40 noch ne Torte, und ein Geburtstagsritual, dass nur uns gehört, und dass wir solange wir gemeinsam Geburtstag feiern können, und es wollen, zelebrieren! So!
Das hätte ich verstanden. Ich werde jetzt aus diesem Bett aussteigen und mich auf den Weg an den See machen. Da ist zwar niemand, der mich hochleben lässt, aber dort lasse ich erstmal die Welt hochleben. Ich kann ja den Vögeln zuzwitschern, dass heute mein Geburtstag ist. Aber ich glaube sie wissen das schon. Tiere spüren so etwas ;)
Donnerstag, 13. August 2009
Urlaubstag mit Amélie
Heute. Ein Urlaubstag. Urlaubstage sind für mich Tage, an denen ich mich treiben lasse. Ungeplant. Einfach los und sehen was kommt. Das klappt nicht immer. Es muss aber erstmal einen Plan geben. Nicht den Plan zum Treiben lassen, sondern einen ersten Plan, der aus einem ersten Ort und einer ersten Aktion besteht. Das kann zum Beispiel, ein Gang in die Stadtbücherei sein. Meistens überrasche ich mich dann selber mit meinem Urlaubstag. Er ist entstanden, weil ich offen war. Offen um mein Außen zu betrachten, und offen, um mein Innen zu betrachten. Blabla... will sagen: Ich hab einfach das gemacht, worauf ich Lust hatte, und ich hatte Lust. Lust habe ich nicht immer. Hab ich Lust auf Rechts oder Links? Lust auf Kaffee oder Eis?
Heute ist mir etwas passiert, was nur ganz selten geschieht: Ich habe gelesen. Eine Stunde lang. Ich war in der Buchhandlung, in der Grossen, schön Eingerichteten, mit den Sofas und dem Fenster zum Dom. Ich wollte ein paar Bücher anlesen und prüfen, ob sie wert sind, sie auf meine Geburtstagswunschliste zu setzen. Eines davon ist es nun nicht mehr wert, weil ich es vor Ort bereits „leer“ gelesen habe. (Mir gefällt die Vorstellung des Leerlesens. Auch wenn die Buchstaben noch da sind, wenn sie gelesen wurden, sie lesen sich doch nie mehr so, wie beim ersten Mal. Man hat etwas gelehrt, verzehrt, etwas Einzigartiges„weg gemacht“).
Es war ein Buch von Amèlie Nothomb, und es heißt „Biographie des Hungers“. Bisher habe ich von ihr höchstens acht Sätze lesen können, dann gab ich auf. Sie war mir fremd.
In diesem Buch aber sprechen wir eine Sprache. Sie geht zurück zu ihrer Kindheit, ihrem Aufwachsen in Japan, China, New York. Vor allem erzählt sie von ihrem unstillbaren Hunger. Sie meint damit den echten Hunger, der sie besonders zu Süßspeisen hinzieht („zu süß" existiert nicht. Das ist genauso als würde man etwas „zu schön“ finden.). Besonders mag ich die Szene, als sie auf der Jagd nach Süßem ist, und dabei in der elterlichen Garage eine Packung Spekulatius findet. Das Knuspern dieser süßen, zimtigen Kekse begeistert sie derart, dass sie sich einen Platz überlegt, der diesem Genuß gerecht wird. Sie läuft mit der Kekspackung unter ihrem Pullover ins Badezimmer, setzt sich aufs Waschbecken und schaut sich im Spiegel bei ihrem Genuss zu. Sie ist sieben Jahre alt, und entdeckt in ihrem Gesicht die Wolllust.
Ihr Hunger ist aber auch der Hunger nach Leben, nach Experimenten, nach Schmecken und Fühlen und Leben und Lachen. Sie hilft beim Wäsche Aufhängen und saugt dabei an den frisch gewaschenen Kleidungsstücken, um sich diesen Duft einzuverleiben.
Sie ist kaum vier Jahre alt und begeistert als ihre japanische Kinderfrau ihr einen Tropfen Pflaumenschnaps gibt. Auf Partys probiert sie an rumstehenden Champagnergläsern und lacht über ihren Kater am nächsten Tag. Mit etwa sieben Jahren findet sie heraus, dass man aus Schnee, Zitrone und Gin eine herrliche Löffelspeise machen kann.
Sie will drei Worte aus der Sprache streichen: baden, Kleidung und leiden. Schöne Dinge, die so unschöne Buchstabenfolgen zu beschreiben versuchen. (Ich frage mich allerdings, ob sie die französischen, die japanischen oder die englischen Worte dafür meint. Sie spricht all diese Sprachen mit wenigen Jahren.
Dieses Buch machte mich froh und heiter. Eine ganze Stunde lang, und es wirkte auch noch nach. Ich möchte Amélie am liebsten kennen lernen. Aber ich würde mich vermutlich unwohl fühlen. Neben so einer Lebefrau.
Heute ist mir etwas passiert, was nur ganz selten geschieht: Ich habe gelesen. Eine Stunde lang. Ich war in der Buchhandlung, in der Grossen, schön Eingerichteten, mit den Sofas und dem Fenster zum Dom. Ich wollte ein paar Bücher anlesen und prüfen, ob sie wert sind, sie auf meine Geburtstagswunschliste zu setzen. Eines davon ist es nun nicht mehr wert, weil ich es vor Ort bereits „leer“ gelesen habe. (Mir gefällt die Vorstellung des Leerlesens. Auch wenn die Buchstaben noch da sind, wenn sie gelesen wurden, sie lesen sich doch nie mehr so, wie beim ersten Mal. Man hat etwas gelehrt, verzehrt, etwas Einzigartiges„weg gemacht“).
Es war ein Buch von Amèlie Nothomb, und es heißt „Biographie des Hungers“. Bisher habe ich von ihr höchstens acht Sätze lesen können, dann gab ich auf. Sie war mir fremd.
In diesem Buch aber sprechen wir eine Sprache. Sie geht zurück zu ihrer Kindheit, ihrem Aufwachsen in Japan, China, New York. Vor allem erzählt sie von ihrem unstillbaren Hunger. Sie meint damit den echten Hunger, der sie besonders zu Süßspeisen hinzieht („zu süß" existiert nicht. Das ist genauso als würde man etwas „zu schön“ finden.). Besonders mag ich die Szene, als sie auf der Jagd nach Süßem ist, und dabei in der elterlichen Garage eine Packung Spekulatius findet. Das Knuspern dieser süßen, zimtigen Kekse begeistert sie derart, dass sie sich einen Platz überlegt, der diesem Genuß gerecht wird. Sie läuft mit der Kekspackung unter ihrem Pullover ins Badezimmer, setzt sich aufs Waschbecken und schaut sich im Spiegel bei ihrem Genuss zu. Sie ist sieben Jahre alt, und entdeckt in ihrem Gesicht die Wolllust.
Ihr Hunger ist aber auch der Hunger nach Leben, nach Experimenten, nach Schmecken und Fühlen und Leben und Lachen. Sie hilft beim Wäsche Aufhängen und saugt dabei an den frisch gewaschenen Kleidungsstücken, um sich diesen Duft einzuverleiben.
Sie ist kaum vier Jahre alt und begeistert als ihre japanische Kinderfrau ihr einen Tropfen Pflaumenschnaps gibt. Auf Partys probiert sie an rumstehenden Champagnergläsern und lacht über ihren Kater am nächsten Tag. Mit etwa sieben Jahren findet sie heraus, dass man aus Schnee, Zitrone und Gin eine herrliche Löffelspeise machen kann.
Sie will drei Worte aus der Sprache streichen: baden, Kleidung und leiden. Schöne Dinge, die so unschöne Buchstabenfolgen zu beschreiben versuchen. (Ich frage mich allerdings, ob sie die französischen, die japanischen oder die englischen Worte dafür meint. Sie spricht all diese Sprachen mit wenigen Jahren.
Dieses Buch machte mich froh und heiter. Eine ganze Stunde lang, und es wirkte auch noch nach. Ich möchte Amélie am liebsten kennen lernen. Aber ich würde mich vermutlich unwohl fühlen. Neben so einer Lebefrau.
Labels:
Amèlie Nothomb,
Urlaubstag
Freitag, 26. Juni 2009
"You can..."
„You can....“
Heute ist wieder so ein Tag..... Ich hatte dieses Gefühl recht lange nicht mehr. Und jetzt wo es wieder da ist, finde ich das schade. Andererseits bleibt es halt auch immer nur ein Gefühl, und das dahinter bleibt immer offen. Dieses Gefühl ist Sehnsucht. Es ist eine Ahnung von dem, was Leben sein kann. Ein Empfinden von allem ist möglich. Und dazu spielen dann auch noch die Geigen im rechten Moment.
Um dieses Gefühls-Süppchen zu kochen bedarf es zweier Zutaten: den frühen Morgen und „herzöffnende“ Musik. Die Musik kommt von Shaina Noll. Ist eine Art Yoga-Musik, meditativ, hell, liebevoll, „herzöffnend“ halt, so abtörnend das auch klingen mag.
Ich hörte die Musik beim Entspannungstraining, und als ich ganz versunken (gib dein Gewicht an die Matte ab...) dalag, drang an mein Ohr nur der Teil eines Satzes „how deeply your connected to my soul“, und mir liefen die Tränen aus den geschlossenen Augen.
Und heute morgen, sechs Uhr dreizehn, höre ich Satzfetzen wie „you can travel any country country where your hard beats… you can live be yourself… you can gather friends around… you can love who you want… everything possible for you… you can be anybody you want to be…the only mesure … is the love you leave behind….” und ich bekomme dieses herrliche Gefühl von MACHEN wollen. Leben und Lieben. Mutig sein und Fallenlassen. Alles ausleben. Grenzenlos. Andersdenken. Andersleben.
In einer Phase, wo ich mit mir hadere, wo das Leben mir manchmal so eng erscheint, ich mir selber so viele Grenzen setze, entfaltet sich dieses Gefühl wie hoffnungsvoller, lustvoller Balsam. Es macht mir Mut, macht mich stark, bestätigt mich in meinen Plänen. Das Leben ist ein Spiel, ein Geschenk, eine Malbuchseite, die ich mit meinen Farben ausmalen kann. Also wage es, denn es gehört gar kein Mut dazu.
Und wenn ich zweifle an der Möglichkeit einen Laden führen zu können, ihn vor allem erst mal finden, einrichten, organisieren, anmelden und eröffnen zu können, dann erinnere ich mich daran, dass es ein Spiel ist. Ich sollte mir vertrauen, mir und meiner Art nachgehen, mit nicht Angst machen lassen von anderen, die anders funktionieren. Ich bin kein Business-Plan-Mensch. Ich schreibe nicht mal Einkaufszettel und verzähle mich schon, wenn ich drei Summen addieren soll. Ich mache viele kleine Fehler, weil ich nicht konzentriert bin. Ich verstehe das ganze organisatorische System nicht. Spricht einer von Vorsteuer und Buchhaltung, dann bekomme ich weiche Knie und taube Ohren. Dennoch, ich will, und wenn doch alles möglich ist, dann ist doch wenigstens ein Versuch möglich. Und wenn ich jeden frühen Morgen erst meditieren muss mit kitschiger, esoterischer „herzöffnender Musik“...
Heute ist wieder so ein Tag..... Ich hatte dieses Gefühl recht lange nicht mehr. Und jetzt wo es wieder da ist, finde ich das schade. Andererseits bleibt es halt auch immer nur ein Gefühl, und das dahinter bleibt immer offen. Dieses Gefühl ist Sehnsucht. Es ist eine Ahnung von dem, was Leben sein kann. Ein Empfinden von allem ist möglich. Und dazu spielen dann auch noch die Geigen im rechten Moment.
Um dieses Gefühls-Süppchen zu kochen bedarf es zweier Zutaten: den frühen Morgen und „herzöffnende“ Musik. Die Musik kommt von Shaina Noll. Ist eine Art Yoga-Musik, meditativ, hell, liebevoll, „herzöffnend“ halt, so abtörnend das auch klingen mag.
Ich hörte die Musik beim Entspannungstraining, und als ich ganz versunken (gib dein Gewicht an die Matte ab...) dalag, drang an mein Ohr nur der Teil eines Satzes „how deeply your connected to my soul“, und mir liefen die Tränen aus den geschlossenen Augen.
Und heute morgen, sechs Uhr dreizehn, höre ich Satzfetzen wie „you can travel any country country where your hard beats… you can live be yourself… you can gather friends around… you can love who you want… everything possible for you… you can be anybody you want to be…the only mesure … is the love you leave behind….” und ich bekomme dieses herrliche Gefühl von MACHEN wollen. Leben und Lieben. Mutig sein und Fallenlassen. Alles ausleben. Grenzenlos. Andersdenken. Andersleben.
In einer Phase, wo ich mit mir hadere, wo das Leben mir manchmal so eng erscheint, ich mir selber so viele Grenzen setze, entfaltet sich dieses Gefühl wie hoffnungsvoller, lustvoller Balsam. Es macht mir Mut, macht mich stark, bestätigt mich in meinen Plänen. Das Leben ist ein Spiel, ein Geschenk, eine Malbuchseite, die ich mit meinen Farben ausmalen kann. Also wage es, denn es gehört gar kein Mut dazu.
Und wenn ich zweifle an der Möglichkeit einen Laden führen zu können, ihn vor allem erst mal finden, einrichten, organisieren, anmelden und eröffnen zu können, dann erinnere ich mich daran, dass es ein Spiel ist. Ich sollte mir vertrauen, mir und meiner Art nachgehen, mit nicht Angst machen lassen von anderen, die anders funktionieren. Ich bin kein Business-Plan-Mensch. Ich schreibe nicht mal Einkaufszettel und verzähle mich schon, wenn ich drei Summen addieren soll. Ich mache viele kleine Fehler, weil ich nicht konzentriert bin. Ich verstehe das ganze organisatorische System nicht. Spricht einer von Vorsteuer und Buchhaltung, dann bekomme ich weiche Knie und taube Ohren. Dennoch, ich will, und wenn doch alles möglich ist, dann ist doch wenigstens ein Versuch möglich. Und wenn ich jeden frühen Morgen erst meditieren muss mit kitschiger, esoterischer „herzöffnender Musik“...
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