Ich denke nach, was ich da eigentlich eben berichtet habe. War da irgendetwas Berichtenswertes drin? Irgendein Informationswert? Nein. Ich hoffe wenigstens, es fanden sich Spuren von Unterhaltungswert. Und ich fürchte, es wird so weiter gehen. Denn es findet sich gerade kein roter Faden.
Wenn es also eh keine rotgefädelten Geschichten gibt, dann kann ich ja weitermachen mit meinen Überlegungen, an welche Orte ich gerne in Paris gehen möchte. Ich könnte mir vorstellen morgen früh auf den Markt in der Rue Mouffetard zu gehen. Unten am Ende der bevölkerten Marktstrasse ein bisschen Gesang, Akkordeon und Tanz bewundern und dann in das schöne Café, „Le Bourgogne“ gehen und einen Brief schreiben. Oh nein, mir fällt was Besseres ein: Auf dem Mouffetard-Markt war ich schon so oft. Ich glaube mir ist vielmehr mal nach dem Markt auf dem Boulevard, der zur Bastille hinführt. In der Gegend war ich lange nicht mehr.
Gibt es etwas, was ich essen möchte? Ausser natürlich Baguettes in jeglicher Form (aux céréales, aux figues, aux noix, bien cuit, une tradition, usw....). Ein Stück tarte. Ein crumble aux pommes, eine tarte normande. Ich sollte mich auch mal ausprobieren in dem grenzenlosen Joghurt-Angebot. Ich kann kälteperiodenlang vor dem Kühlregal stehen. So lange kann es dauern, bis man sich einen Überblick über die verschiedenen Varianten gemacht hat. Joghurt pur, achtmal verschieden, je nach gewünschtem Fettgehalt. Gerührt, fest oder als Mousse aufgeschäumt. Joghurt mit Früchten. Da vervielfacht sich das Angebot, denn es gibt ja so viele Früchte. Vervielfachen tut sich das ganze dann noch mal durch die verschiedenen Fettstufen. Auch beim Design des Bechers kann ich mir unter vielen einen Liebling auswählen. Klassisch im Plastikbecher hoch, im Plastikbecher flacher, mit mehr oder weniger drin. Im durchsichtigen Plastikbecher oder gar im Glas. Im Gross- oder Kleinfamilienpack oder, fast schon selten in Frankreich, einzeln. Dann die Joghurts, die man schon fast kaum noch Joghurt nennen möchte, wenn sie nach Apfelkuchen, Zitronentarte oder Weisser Schokolade schmecken. Die klassischen Desserttöpfchen gibt es auch, und machen mir die Wahl immer besonders schwer. Da gibt es zum Beispiel café liègeois, Mousse au chocolat, crème caramel, crème brulée. (O je, ich bekomme gerade ganz grosse Lust auf was Süßes!). Meistens kaufe ich mir nichts von alledem. Mir reicht schon die Auswahl nach dem für mich idealen Fromage blanc. Danach bin ich schon so erschöpft, dass ich zu mehr Entscheidungen nicht mehr in der Lage bin. Fromage blanc ist übrigens so etwas wie Quark. Aber rutscht viel besser runter als unser trockener Magerquark.
Paris ist überhaupt für mich eine Qual der Entscheidungen. Welcher Joghurt? Welches Baguette? Welches Café? Welche Richtung? Rechts oder links? Metro oder Bus?
Schon oft machte mich das gar nicht froh, sondern überforderte mich total. Ich sollte in solchen Momenten einfach MACHEN. Zu einem Joghurt greifen, auch wenn ein anderer vielleicht noch besser schmecken könnte, in das Café gehen, vor dem ich seit zehn Minuten stehe und zögere, auch wenn der Café da überteuert ist, und ich nicht weiß, ob die Atmosphäre mir tatsächlich zusagt. Ich will jetzt mal zackiger werden. Das nehme ich mir fast jedes Mal vor, wenn Paris vor mir liegt. Immer wieder scheitere ich.
Aber diesmal bin ich nicht alleine unterwegs.... Das sollte mich stärken.
Es ist jetzt viertel vor sechs, kurz vor Brüssel und ich kann schon ziemlich viel von meinem Gesicht im Fenster sehen. Die letzte Zugstunde wird es also nichts mehr mit Rausgucken. Macht nichts. Zwischen Brüssel und Paris gibt es eh nichts zu sehen. Das ist der ideale Moment um ein wenig die Augen zu schließen. Die sind auch gerade müde. Müssen ja für zwei gucken...
Posts mit dem Label Paris werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Paris werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Sonntag, 7. Februar 2010
Allalei von unterwegs
Wieder auf Reisen. Wieder im Thalys. Ich schreibe hier „wieder“, weil ich schon einmal aus diesem roten Zug in meinen gelben Blog geschrieben habe. Das war vor gut vier Monaten. Im September. Da fällt mir ein, dass da am Ende der Zugfahrt das Licht draußen fehlte und ich nicht mehr hinaus schauen konnte. Ich beschwerte mich, immer nur mich im Spiegel der Scheibe zu sehen, anstatt schöne Landschaften. Heute wird das auch wieder so sein. Vermutlich schon früher, denn es ist Februar. Die Tage sind noch kurz. Gegen halb sechs werden die Landschaften verschwinden, und mein Gesicht immer deutlicher werden.
Toll! finde ich gerade, dass ich beides gleichzeitig kann. Ich dachte mir, ich sollte eigentlich die Zeit nutzen, die mir bleibt, um hinaus zu schauen, anstatt in den Laptop. Ich schaute also hinaus, tippte aber weiter. Das funktioniert. So als hätte ich, die aus dem Fenster schaut, nichts mit der, die tippt, zu tun.
Letztes Mal auf dieser Fahrt nach Paris, hatte ich das Bedürfnis von meinen Mitreisenden zu erzählen. Das waren vier französisch sprechende Rentner, die durch ihre gebildeten Gespräche auffielen. Die sitzen heute nicht im Zug. Muss mir also andere Beobachtungsobjekte suchen. Es fällt aber niemand auf. Lauter asiatisch ausschauende Zugmitbewohner gibt es heute um mich herum. Aber die sind still und bieten keinen Grund etwas über sie zu erzählen.
Dann schreibe ich lieber über meine Gefühle. Die sind selten still.
Übrigens fährt der Thalys in diesem Jahr schneller. Er braucht nur noch gut drei Stunden bis wir in der anderen Welt, Paris, sind. Habe also eine halbe Stunde weniger, um mit meinen Worten mein Hirn zu erforschen. Ich stelle es mir gerade vor, wie einen Staubsauger, der in meinem Hirn rumwuselt und in alle Ecken hineinguckt, und überall etwas findet, von dem ich gar nicht wusste, dass es existiert.
Gefühle also. Wie fühlt es sich an nach Paris zu fahren? Unaufgeregt. Es ist eine Stadt, die mir vertraut ist. Ich freue mich dennoch auf sie, denn ich mag sie. Ich freue mich auf Orte. Nach welchen Orten ist mir diesmal? Gerade ist mir danach noch mal den Montmartre zu erklettern. Auf den Stufen vor der Kirche sitzen und auf die Stadt ohne Grenzen gucken. Mir ist auch nach der Ile St-Louis- ein bisschen Seine-Wandern. Notre-Dame meiden. Vielleicht mal wieder ins 13/14 Arrondissement, die Rue d Alesia entlang. Ich sollte mir die Rue de Rivoli verbieten. Dahin gehe ich immer. Allerdings möchte ich eine Ausstellung im Hotel de Ville anschauen. Die liegt gleich an der Rue de Rivoli. Wird also nichts aus dem Verbot. Es ist eine Photoausstellung. Hotel de Ville-Rathaus- verpflichtet: eine Paris-auf-die-Schulter-klopfende Photoausstellung.
Ich merke gerade, dass die Ankündigung, über meine Gefühle zu schreiben, nicht wirklich eingehalten wurde. Es war zu verlockend mir zu überlegen, wohin ich gehen, was ich machen wollte.
Konzentration auf die Gefühle: Ich fahre dieses Mal nicht alleine nach Paris. Ich nehme jemanden mit. Er weiss es nicht so richtig, denn er ist nur gefühlt bei mir. Real läuft er gerade durch den Wald und misst sich mit anderen Läufern. Aber wenn ich in die Landschaft schaue, schaue ich für zwei. Und wenn ich etwas erlebe, erlebe ich für zwei. Ich freue mich darauf, dieses Mal mit dem Bewusstsein durch die Stadt zu laufen, dass ich nicht alleine bin. Es gibt da jemanden, dem ich alles erzählen kann. Ich werde mich vielleicht in ein Café setzen und einen Brief schreiben. Und eigentlich schreibe ich die ganze Zeit Briefe. Die kann man nicht anfassen, die braucht kein Briefträger herumzutragen, die gibt es nur in meinem Kopf.
Übrigens wird das wohl nichts mit den „nur gut drei Stunden“ bis Paris. Der Zug steht schon seit zwanzig Minuten unmotiviert auf der Strecke, und die Lautsprecherstimme benutzt in vier Sprachen das Wort Signalstörung.
Übrigens habe ich nun doch etwas Interessantes über die Asiaten entdeckt: Die zeichnen. Sie zeichnen Jacken und Hosen und haben Stoffschnipsel vor sich liegen. Aha, die haben den gleichen Grund nach Paris zu fahren wie ich: Die wollen auf die Messe. Messe für Stoffe und Besatzartikel. Die gehen einkaufen. Ich helfe ihnen dabei. Wenn sie zu mir an den Stand kommen, zeige ihnen Bänder, mit denen sie ihre Jacken und Hosen schmücken können.
Sollte ich mal aufhören? Wird der Text zu lang? Ich selber habe ja auch schon gar keine Lust einen Text anzufangen, wenn ich sehe, er geht noch ewig weiter.
Aber ich bin noch ganz gut im Fluss. Aber ich baue eine kleine Stromschnelle rein. Die rüttelt auf und hält wach.
Toll! finde ich gerade, dass ich beides gleichzeitig kann. Ich dachte mir, ich sollte eigentlich die Zeit nutzen, die mir bleibt, um hinaus zu schauen, anstatt in den Laptop. Ich schaute also hinaus, tippte aber weiter. Das funktioniert. So als hätte ich, die aus dem Fenster schaut, nichts mit der, die tippt, zu tun.
Letztes Mal auf dieser Fahrt nach Paris, hatte ich das Bedürfnis von meinen Mitreisenden zu erzählen. Das waren vier französisch sprechende Rentner, die durch ihre gebildeten Gespräche auffielen. Die sitzen heute nicht im Zug. Muss mir also andere Beobachtungsobjekte suchen. Es fällt aber niemand auf. Lauter asiatisch ausschauende Zugmitbewohner gibt es heute um mich herum. Aber die sind still und bieten keinen Grund etwas über sie zu erzählen.
Dann schreibe ich lieber über meine Gefühle. Die sind selten still.
Übrigens fährt der Thalys in diesem Jahr schneller. Er braucht nur noch gut drei Stunden bis wir in der anderen Welt, Paris, sind. Habe also eine halbe Stunde weniger, um mit meinen Worten mein Hirn zu erforschen. Ich stelle es mir gerade vor, wie einen Staubsauger, der in meinem Hirn rumwuselt und in alle Ecken hineinguckt, und überall etwas findet, von dem ich gar nicht wusste, dass es existiert.
Gefühle also. Wie fühlt es sich an nach Paris zu fahren? Unaufgeregt. Es ist eine Stadt, die mir vertraut ist. Ich freue mich dennoch auf sie, denn ich mag sie. Ich freue mich auf Orte. Nach welchen Orten ist mir diesmal? Gerade ist mir danach noch mal den Montmartre zu erklettern. Auf den Stufen vor der Kirche sitzen und auf die Stadt ohne Grenzen gucken. Mir ist auch nach der Ile St-Louis- ein bisschen Seine-Wandern. Notre-Dame meiden. Vielleicht mal wieder ins 13/14 Arrondissement, die Rue d Alesia entlang. Ich sollte mir die Rue de Rivoli verbieten. Dahin gehe ich immer. Allerdings möchte ich eine Ausstellung im Hotel de Ville anschauen. Die liegt gleich an der Rue de Rivoli. Wird also nichts aus dem Verbot. Es ist eine Photoausstellung. Hotel de Ville-Rathaus- verpflichtet: eine Paris-auf-die-Schulter-klopfende Photoausstellung.
Ich merke gerade, dass die Ankündigung, über meine Gefühle zu schreiben, nicht wirklich eingehalten wurde. Es war zu verlockend mir zu überlegen, wohin ich gehen, was ich machen wollte.
Konzentration auf die Gefühle: Ich fahre dieses Mal nicht alleine nach Paris. Ich nehme jemanden mit. Er weiss es nicht so richtig, denn er ist nur gefühlt bei mir. Real läuft er gerade durch den Wald und misst sich mit anderen Läufern. Aber wenn ich in die Landschaft schaue, schaue ich für zwei. Und wenn ich etwas erlebe, erlebe ich für zwei. Ich freue mich darauf, dieses Mal mit dem Bewusstsein durch die Stadt zu laufen, dass ich nicht alleine bin. Es gibt da jemanden, dem ich alles erzählen kann. Ich werde mich vielleicht in ein Café setzen und einen Brief schreiben. Und eigentlich schreibe ich die ganze Zeit Briefe. Die kann man nicht anfassen, die braucht kein Briefträger herumzutragen, die gibt es nur in meinem Kopf.
Übrigens wird das wohl nichts mit den „nur gut drei Stunden“ bis Paris. Der Zug steht schon seit zwanzig Minuten unmotiviert auf der Strecke, und die Lautsprecherstimme benutzt in vier Sprachen das Wort Signalstörung.
Übrigens habe ich nun doch etwas Interessantes über die Asiaten entdeckt: Die zeichnen. Sie zeichnen Jacken und Hosen und haben Stoffschnipsel vor sich liegen. Aha, die haben den gleichen Grund nach Paris zu fahren wie ich: Die wollen auf die Messe. Messe für Stoffe und Besatzartikel. Die gehen einkaufen. Ich helfe ihnen dabei. Wenn sie zu mir an den Stand kommen, zeige ihnen Bänder, mit denen sie ihre Jacken und Hosen schmücken können.
Sollte ich mal aufhören? Wird der Text zu lang? Ich selber habe ja auch schon gar keine Lust einen Text anzufangen, wenn ich sehe, er geht noch ewig weiter.
Aber ich bin noch ganz gut im Fluss. Aber ich baue eine kleine Stromschnelle rein. Die rüttelt auf und hält wach.
Sonntag, 20. September 2009
Mit dem Rücken zu Paris
Ich lüge, wenn ich diesen Blog so nenne. Denn ich sitze im Zug, und fahre rückwärts. Das heißt, Paris liegt mir nicht im Rücken, sondern vor mir. Aber es passt so gut, darum gönne ich mir jetzt mal so etwas wie dichterische Freiheit.
Ich bin froh, dass ich mit jedem Kilometer Paris ferner, und Köln näher komme. Ich weiß nicht, wem ich dafür die Schuld geben soll. Paris oder mir. Ist Paris einfach schrecklich laut, dreckig, hektisch, vollgestopft, stereotyp und ermüdend, oder will ich Paris so sehen? Macht die Stadt mich missmutig, angespannt, gestresst und leicht ängstlich, oder kommt das aus meiner Sicht auf die Stadt. Gibt es da wieder nur einen Schalter, den ich umlegen könnte? Lauter Fragen, auf die ich die Antworten ehrlich gesagt, bereits kenne. Ja, ich bin Schuld, dass ich Paris ins schlechte Licht stelle, denn ich will es so sehen. Ja, ich könnte die vielen Menschen auch anders betrachten, auch die lauten Farbigen, die schubsenden Pariser, die prolligen Marokkaner. Ich könnte sie alle lieb haben, und dann würde ich auch kein Unwohlsein mehr empfinden. Ich könnte den Menschen in die vollgequetschte Metro vorlassen, anstatt mich selber zu quetschen. Der bettelnden Zigeunerin, könnte ich auf ihr „Speaking english?“ antworten „Non. Francais?“ und ihr damit auf nette Art den Wind aus den Segeln nehmen. Ich könnte langsam gehen. Ich könnte lächeln. Tout simplement. Und damit hätte ich wohl den Schalter schon umgelegt.
Aber um nicht nur mit mir zu hadern, muss ich auch mal en schönsten Moment des Tages festhalten. Einen „Schalter-Moment“. Ich stehe am Gare du Nord und warte auf meinen Zug. Ich sehe einen Clochard, der mir schon vor ein paar Tagen aufgefallen war. Er ist rappeldünn, ein Skelett, und sucht in den Mülleimern nach Essensresten. Ich hatte neulich ein halbes, nicht aufgegessenes Sandwich in der Tasche. Ich hätte es ihm geben wollen. Aber ich habe es nicht gemacht. Mir fehlte der Mut. Warum Mut? Wovor Angst? Angst, dass er es mir um die Ohren haut. Angst, etwas zu machen, worauf die anderen aufmerksam werden.
Heute sah ich ihn also wieder, und das war wohl meine zweite Gelegenheit. Ich hatte einen Kinderriegel in der Tasche, der mir nicht sehr am Herzen lag. Er hing wieder tief in einer Mülltonne drin, als ich mich zu ihm runterbeugte und fragte: „Vous mangez du chocolat?“ Ich weiß gar nicht ob er was geantwortet hat, es war ja auch nicht wirklich eine Frage. Ich gab ihm den Riegel und ging ein paar Meter weg. Ich beobachtete ihn. Er lehnte sich an die Tonne, und packte den Riegel gleich aus. Das Papier warf er in den Mülleimer und er aß, nicht mal sehr hektisch und ausgehungert, sondern fast anmutig. Als er ihn auf hatte, beugte er sich wieder in den Mülleimer, und angelte einen Becher heraus, nahm den Deckel ab und trank den letzen Schluck, der wohl noch darin war.
Ich kamenTränen in die Augen.
Ich freute mich, dass ich mich getraut habe, aber gleichzeitig tat er mir so leid. Wie anders sieht sein Leben aus! Wie schmeckt ein Schokoriegel, wenn man seit Tagen nichts mehr gegessen hat!? Dieser Mann führt das Leben eines Tieres, immer auf Nahrungssuche. Mit dem Unterschied, dass das Tier nicht am Rande steht und von den anderen missachtet wird.
Und dass das Tier in den meisten Fällen so was wie eine Familie hat.
Ich bin froh, dass ich mit jedem Kilometer Paris ferner, und Köln näher komme. Ich weiß nicht, wem ich dafür die Schuld geben soll. Paris oder mir. Ist Paris einfach schrecklich laut, dreckig, hektisch, vollgestopft, stereotyp und ermüdend, oder will ich Paris so sehen? Macht die Stadt mich missmutig, angespannt, gestresst und leicht ängstlich, oder kommt das aus meiner Sicht auf die Stadt. Gibt es da wieder nur einen Schalter, den ich umlegen könnte? Lauter Fragen, auf die ich die Antworten ehrlich gesagt, bereits kenne. Ja, ich bin Schuld, dass ich Paris ins schlechte Licht stelle, denn ich will es so sehen. Ja, ich könnte die vielen Menschen auch anders betrachten, auch die lauten Farbigen, die schubsenden Pariser, die prolligen Marokkaner. Ich könnte sie alle lieb haben, und dann würde ich auch kein Unwohlsein mehr empfinden. Ich könnte den Menschen in die vollgequetschte Metro vorlassen, anstatt mich selber zu quetschen. Der bettelnden Zigeunerin, könnte ich auf ihr „Speaking english?“ antworten „Non. Francais?“ und ihr damit auf nette Art den Wind aus den Segeln nehmen. Ich könnte langsam gehen. Ich könnte lächeln. Tout simplement. Und damit hätte ich wohl den Schalter schon umgelegt.
Aber um nicht nur mit mir zu hadern, muss ich auch mal en schönsten Moment des Tages festhalten. Einen „Schalter-Moment“. Ich stehe am Gare du Nord und warte auf meinen Zug. Ich sehe einen Clochard, der mir schon vor ein paar Tagen aufgefallen war. Er ist rappeldünn, ein Skelett, und sucht in den Mülleimern nach Essensresten. Ich hatte neulich ein halbes, nicht aufgegessenes Sandwich in der Tasche. Ich hätte es ihm geben wollen. Aber ich habe es nicht gemacht. Mir fehlte der Mut. Warum Mut? Wovor Angst? Angst, dass er es mir um die Ohren haut. Angst, etwas zu machen, worauf die anderen aufmerksam werden.
Heute sah ich ihn also wieder, und das war wohl meine zweite Gelegenheit. Ich hatte einen Kinderriegel in der Tasche, der mir nicht sehr am Herzen lag. Er hing wieder tief in einer Mülltonne drin, als ich mich zu ihm runterbeugte und fragte: „Vous mangez du chocolat?“ Ich weiß gar nicht ob er was geantwortet hat, es war ja auch nicht wirklich eine Frage. Ich gab ihm den Riegel und ging ein paar Meter weg. Ich beobachtete ihn. Er lehnte sich an die Tonne, und packte den Riegel gleich aus. Das Papier warf er in den Mülleimer und er aß, nicht mal sehr hektisch und ausgehungert, sondern fast anmutig. Als er ihn auf hatte, beugte er sich wieder in den Mülleimer, und angelte einen Becher heraus, nahm den Deckel ab und trank den letzen Schluck, der wohl noch darin war.
Ich kamenTränen in die Augen.
Ich freute mich, dass ich mich getraut habe, aber gleichzeitig tat er mir so leid. Wie anders sieht sein Leben aus! Wie schmeckt ein Schokoriegel, wenn man seit Tagen nichts mehr gegessen hat!? Dieser Mann führt das Leben eines Tieres, immer auf Nahrungssuche. Mit dem Unterschied, dass das Tier nicht am Rande steht und von den anderen missachtet wird.
Und dass das Tier in den meisten Fällen so was wie eine Familie hat.
Montag, 14. September 2009
Was ich sehe
Meine Begeisterung für die Stadt, deren Name träumen lässt, ist irgendwie verschwunden. Ich finde sie nicht wieder. Obwohl ich an den schönsten Ecken nach ihr gesucht habe. Am Place des Vosges, im Innenhof des schönen schwedischen Kulturinstituts, in meinem Lieblingskaufhaus, sie bleibt unauffindbar.
Die besonderen Momente, die ich manchmal hier erlebe, spielten sich dort auch nicht ab. Doch, einen gab es. Im Bus. Mittlerweile fast mein Lieblings-Ort in Paris. Schön langsam wird man an allem vorbeigefahren. Ist mittendrin, so eng sind manchmal die Strassen, so nah die Fußgänger und das Leben vor der Scheibe. Die Busfahrer sind erstaunlich freundlich und die Passagiere im Bus wirken entspannt. Darum nehmen sie wohl auch den Bus. Wären sie gehetzt nähmen sie die schnelle Metro.
Ich steige also in den Bus, zusammen mit anderen. Der Bus ist dreiviertel voll. Ich sitze und neben mir steuern zwei ältere Menschen auf die Sitzbank an. Sie kommt von hinten, er von vorne. Sie lässt ihn vor. Er zögert. Will durchrutschen ans Fenster, schaut aber noch um sich nach einem, ihm sympathischeren Platz. „Ah non, je vais là,“ sagt er und will sich an ihr vorbeidrücken an einen Platz weiter hinten. Dann überlegt er es sich noch mal und will doch auf die Sitzbank neben mich, wo die Frau immer noch von seinen Launen hin und herbewegt wird. Sie lässt ihn also durchrutschen, sagt aber noch: „C est votre dernier mot?“ Toll!! Ich bin begeistert. „Ist das ihr letztes Wort?“ fragt sie ihn. Nicht kampflustig, ganz sachlich, und damit hat sie vollkommen recht. Das liebe ich an den Parisern. Sie sprechen. Sie sprechen mit Fremden. Das passiert uns doch eher selten. Da muss uns schon jemand auf dem Fuß stehen, bevor wir ihn ansprechen. Ay!
Die besonderen Momente, die ich manchmal hier erlebe, spielten sich dort auch nicht ab. Doch, einen gab es. Im Bus. Mittlerweile fast mein Lieblings-Ort in Paris. Schön langsam wird man an allem vorbeigefahren. Ist mittendrin, so eng sind manchmal die Strassen, so nah die Fußgänger und das Leben vor der Scheibe. Die Busfahrer sind erstaunlich freundlich und die Passagiere im Bus wirken entspannt. Darum nehmen sie wohl auch den Bus. Wären sie gehetzt nähmen sie die schnelle Metro.
Ich steige also in den Bus, zusammen mit anderen. Der Bus ist dreiviertel voll. Ich sitze und neben mir steuern zwei ältere Menschen auf die Sitzbank an. Sie kommt von hinten, er von vorne. Sie lässt ihn vor. Er zögert. Will durchrutschen ans Fenster, schaut aber noch um sich nach einem, ihm sympathischeren Platz. „Ah non, je vais là,“ sagt er und will sich an ihr vorbeidrücken an einen Platz weiter hinten. Dann überlegt er es sich noch mal und will doch auf die Sitzbank neben mich, wo die Frau immer noch von seinen Launen hin und herbewegt wird. Sie lässt ihn also durchrutschen, sagt aber noch: „C est votre dernier mot?“ Toll!! Ich bin begeistert. „Ist das ihr letztes Wort?“ fragt sie ihn. Nicht kampflustig, ganz sachlich, und damit hat sie vollkommen recht. Das liebe ich an den Parisern. Sie sprechen. Sie sprechen mit Fremden. Das passiert uns doch eher selten. Da muss uns schon jemand auf dem Fuß stehen, bevor wir ihn ansprechen. Ay!
Sonntag, 13. September 2009
Wo ich bin
Und es passiert noch was.
Derselbe Raum, aber ein komplett neues Ambiente. In Brüssel steigen plötzlich Massen von Passagieren in unser ruhiges, rotes, Zugwägelchen, wo ich gerade beschlossen hatte, ein wenig die Augen zu schließen. Plötzlich aber sind wieder viele Stimmen um mich. Ich kann mich nur noch zurücksehnen nach französisch sprechenden Rentnern. Auch wenn die nicht so meine Themen besprachen, dann gaben die mir doch ein besseres Gefühl, als die vielen neuen, bunten Passagieren. Was ich von diesen gerade vorrangig mitbekomme, ist eine Stimme, die aus einem rotgeschminkten, dicklippigen Mund kommt. Sie spricht englisch, aber mit starkem Akzent. Manchmal spricht sie auch ein paar französische Worte, aber auch da setzt er sich durch: der afrikanische Akzent. Sie wird ständig angerufen. Vermutlich von einem Mann, der irgendwo in Paris in seiner Wohnung hockt und ganz schön scharf auf diese kleine, schmale Afrikanerin, in ihrem tigergemusterten, hautengen Oberteil, ist. Sie hört nicht auf, ihm zu sagen, dass sie müde ist, erst spät ankommen wird, einen langen Tag hatte, an dem alles schief lief, dass sie müde ist, dass sie heute nicht mehr will.
Nun spricht sie mit ihren Sitznachbarn. Und hier geht das Licht aus. Technisches Problem. Wir stehen immer noch in Brüssel-Zuid. Schon zwanzig Minuten. Ich hoffe, die Afrikanerin mit dem Tag, an dem alles schief lief, bringt ihr Unglück nicht mit in den Zug.
Dass sie müde ist, kann ich ihr nicht wirklich glauben. Lebhaft erzählt sie den Menschen um sich herum aus ihrem Leben. Ich höre keine anderen Stimmen, nur ihre. Sie braucht keinen Gegenspieler für ihr Match.
Ihre Stimme brennt sich in mir fest. Sie erzählt irgendwas von „Tam Tam“, ein Wort, dass für irgendetwas steht. Was, das kann ich leider nicht verstehen. Sie sagt es ständig. Lacht dabei. Diese zwei Worte und ihr Lachen werde ich noch tagelang erinnern können. Wie ein Musikstück, an das man denkt, und gleich mit komplettem Orchester im Ohr hat.
Meinen letzten Blog beendete ich, indem ich sagte: Eine gute Einstimmung auf Paris. Um ehrlich zu sein, das war die romantische Einstimmung auf Paris. Auf das Paris der Touristen, auf das Vorzeige-Paris, das Saubere und Harmonische, das Akkordeon-Paris. Ein Paris, in dem Franzosen leben.
Die Zugatmosphäre ab Brüssel stimmt mich ein, auf das echte Paris. Auf das bunte Paris. Auf das Paris, dass sich Franzosen mit Afrikanern, Marokkanern, Asiaten, teilen. Hier sind sie alle versammelt und so fühlt sich Paris an. Nicht im ersten, zweiten und nicht in den meisten einstelligen Arrondissements. Aber da, wo die blendende Schönheit von Paris aufhört, da fängt das an, was auch zu Paris gehört: ein bunter Ameisenhaufen.
Derselbe Raum, aber ein komplett neues Ambiente. In Brüssel steigen plötzlich Massen von Passagieren in unser ruhiges, rotes, Zugwägelchen, wo ich gerade beschlossen hatte, ein wenig die Augen zu schließen. Plötzlich aber sind wieder viele Stimmen um mich. Ich kann mich nur noch zurücksehnen nach französisch sprechenden Rentnern. Auch wenn die nicht so meine Themen besprachen, dann gaben die mir doch ein besseres Gefühl, als die vielen neuen, bunten Passagieren. Was ich von diesen gerade vorrangig mitbekomme, ist eine Stimme, die aus einem rotgeschminkten, dicklippigen Mund kommt. Sie spricht englisch, aber mit starkem Akzent. Manchmal spricht sie auch ein paar französische Worte, aber auch da setzt er sich durch: der afrikanische Akzent. Sie wird ständig angerufen. Vermutlich von einem Mann, der irgendwo in Paris in seiner Wohnung hockt und ganz schön scharf auf diese kleine, schmale Afrikanerin, in ihrem tigergemusterten, hautengen Oberteil, ist. Sie hört nicht auf, ihm zu sagen, dass sie müde ist, erst spät ankommen wird, einen langen Tag hatte, an dem alles schief lief, dass sie müde ist, dass sie heute nicht mehr will.
Nun spricht sie mit ihren Sitznachbarn. Und hier geht das Licht aus. Technisches Problem. Wir stehen immer noch in Brüssel-Zuid. Schon zwanzig Minuten. Ich hoffe, die Afrikanerin mit dem Tag, an dem alles schief lief, bringt ihr Unglück nicht mit in den Zug.
Dass sie müde ist, kann ich ihr nicht wirklich glauben. Lebhaft erzählt sie den Menschen um sich herum aus ihrem Leben. Ich höre keine anderen Stimmen, nur ihre. Sie braucht keinen Gegenspieler für ihr Match.
Ihre Stimme brennt sich in mir fest. Sie erzählt irgendwas von „Tam Tam“, ein Wort, dass für irgendetwas steht. Was, das kann ich leider nicht verstehen. Sie sagt es ständig. Lacht dabei. Diese zwei Worte und ihr Lachen werde ich noch tagelang erinnern können. Wie ein Musikstück, an das man denkt, und gleich mit komplettem Orchester im Ohr hat.
Meinen letzten Blog beendete ich, indem ich sagte: Eine gute Einstimmung auf Paris. Um ehrlich zu sein, das war die romantische Einstimmung auf Paris. Auf das Paris der Touristen, auf das Vorzeige-Paris, das Saubere und Harmonische, das Akkordeon-Paris. Ein Paris, in dem Franzosen leben.
Die Zugatmosphäre ab Brüssel stimmt mich ein, auf das echte Paris. Auf das bunte Paris. Auf das Paris, dass sich Franzosen mit Afrikanern, Marokkanern, Asiaten, teilen. Hier sind sie alle versammelt und so fühlt sich Paris an. Nicht im ersten, zweiten und nicht in den meisten einstelligen Arrondissements. Aber da, wo die blendende Schönheit von Paris aufhört, da fängt das an, was auch zu Paris gehört: ein bunter Ameisenhaufen.
Wo bin ich?
Viele schreiben ihre Blogs von unterwegs. Ich mach das jetzt auch mal. Ein Reisebericht. Wie langweilig. Mal sehen, was daraus wird. Damit es nicht so langweilig wird, mache ich ein Ratespiel: Wo bin ich? Um mich herum ist es rötlich. Das liegt am Abendrot, aber auch an dem roten Stoff um mich herum. Vor mir, neben mir, und unter meinem Po. Oben ist es grau, auf dem Boden auch. Grauer Teppichboden. Es ist nicht still. Ich höre ständig Stimmen. Obwohl es hier heute überraschend leer ist. Das habe ich so leer noch nicht erlebt. Aber vier Menschen sitzen sich gegenüber und unterhalten sich so, als bemerkten sie gar nicht, dass wir anderen ihnen zuhören können. Die Stimmen sprechen französisch. Hier sind überhaupt viele fremdsprachige Stimmen. Oft kommen Durchsagen. Erst auf deutsch, dann auf französisch, auf holländisch und letztlich, falls immer noch nicht für jeden die richtige Sprache dabei war, auf englisch.
Das war jetzt ein ziemlich guter Hinweis. Ist schon klar geworden, wo ich mich befinde. Ich könnte an der nächsten Station aussteigen, dann wäre ich in einer Kurstadt. Dort, wo Kaiser Karls Gebeine in der Kirche liegen. Vermutlich die zu allererst aufgeführte Stadt im deutschen Städteverzeichnis.
Würde ich weiterfahren bis zum nächsten Halt, und angenommen, es wäre Sonntag, dann könnte ich auf einen riesigen Flohmarkt gehen. Hier heißt er wohl eher Marché aux Puces.
Keine Lust auf Flohmarkt? Dann weiter zum nächsten Stopp. Hier stehen metallische Gerüste herum, hier pieseln kleine Männchen in Brunnen und mehr Tipps braucht es wohl jetzt nicht. Ich fahre aber weiter bis zur Endstation, und die heißt: Paris.
Ich musste ein Weilchen aufhören. Wer das liest, merkt es nicht, außer daran, dass ich vom Themenfluß abkomme. Ich musste aufhören, weil die Landschaft gerade so schön ist. Kaum hinter Aachen ist die Landschaft wunderschön. Hügelig und waldig (waldig-das Wort gibt es nicht, oder?! Gefällt mir aber), Kühe und charmante Bauernhöfe, Hecken, die die Wiesen abteilen und das alles im Abend-Sonnenlicht.
Aber zurück in den Zug. Denn die Stimmung hier gefällt mir, inspiriert. Diese vier Menschen, deren Stimmen ich wie einen ständigen Fluss um mich habe, gehören zwei Paaren. Es sind Franzosen, Renter aus der gut situierten Bildungsschicht. Eigentlich kann es gar nicht anders sein, als das die beiden Männer ihr Berufsleben als Lehrer oder Dozent verbracht haben.
Ihre Frauen vermutlich Hausfrauen, oder halbtags Beschäftigte in einem Büro, immer gerne an der Seite des Ehemannes, um diesen ins Museum, Theater und in den Konzertsaal zu begleiten. Am Tisch spricht man über das gute Essen und gute Restaurants, die man zu besuchen plant. Nach Tisch gibt es einen Cognac für ihn, einen Kräutertee für sie, und man unterhält sich über Kultur. So wie jetzt. Ich höre selten in einer Stunde so viele Namen von Architekten, Malern, Verstorbenen, von Städten und deren Museen und Bauwerken.
Ich habe das Glück auf einen 1A-Steretypen getroffen zu sein. Beigefarbene Jacketts für die Männer und braun karierte Hosen. Koffer in grün mit Lederriemen eingefasst. Die Frauen kann ich leider nicht sehen. Nur hören. Mit hohen Stimmen höre ich: „Oui, oui, oui.“ Oder „Ah ca!“ „Eh oui“. Sie sind eigentlich nur Hintergrundmusik für die Männerworte.
Ich habe einen Riesen-Vorteil. Ich kann die Stimmen ausschalten. Ich höre sie, aber ich muss ihnen nicht zuhören. Würden sie deutsch sprechen, wäre das nicht möglich. Ich kann es wie einen Schalter ein- und ausschalten. Hinhören. Weghören. Arme Franzosen, die hier versammelt sind, die werden die ganze Zeit beschallt. Aber vielleicht haben die auch so einen Schalter.
Oha!! Die Herrschaften stehen auf (zehn Minuten vor Liège). Sind gar keine Franzosen. Belgier. Schade, als französische Bourgeois, passten sie viel besser in meine Clichée-Schublade. Die Stimmen werden mir fehlen. War eine gute Einstimmung auf Paris.
Es wird langsam dunkel. Gleich acht Uhr. Im Dunkeln Zug fahren finde ich schrecklich. Im Hellen wunderbar. Mit der Landschaft ziehen auch meine Gedanken. Manchmal fühle ich mich dabei wie in einem Musikvideo. So als sähe ich mich von außen, und schaue mir zu, wie ich nachdenklich aus dem Fenster schaue.
Wenn es aber dunkel ist, sehe ich nur mich, wenn ich aus dem Fenster schaue. Das sieht längst nicht so schön aus, wie die sich ständig bewegende Landschaft.
Ich muss noch ein wenig volltanken und aus dem Fenster schauen, bevor das Fenster zum Spiegel wird. Kleine Pause also (die wieder niemand merkt).
Vielleicht sollte ich meinen Bericht auch ganz beenden. Wenn man einen blog liest, will man wohl lieber kurze Texte, sonst traut man sich erst gar nicht ran.
Ich kann ja morgen weiter schreiben.
Oder einen neuen Blog beginnen. Dann gibt es einen aus dem hellen Zug mit den französischen Belgiern, und einen aus dem dunklen Zug ohne Bildungsangebot. Mal sehen, was noch kommt...
Das war jetzt ein ziemlich guter Hinweis. Ist schon klar geworden, wo ich mich befinde. Ich könnte an der nächsten Station aussteigen, dann wäre ich in einer Kurstadt. Dort, wo Kaiser Karls Gebeine in der Kirche liegen. Vermutlich die zu allererst aufgeführte Stadt im deutschen Städteverzeichnis.
Würde ich weiterfahren bis zum nächsten Halt, und angenommen, es wäre Sonntag, dann könnte ich auf einen riesigen Flohmarkt gehen. Hier heißt er wohl eher Marché aux Puces.
Keine Lust auf Flohmarkt? Dann weiter zum nächsten Stopp. Hier stehen metallische Gerüste herum, hier pieseln kleine Männchen in Brunnen und mehr Tipps braucht es wohl jetzt nicht. Ich fahre aber weiter bis zur Endstation, und die heißt: Paris.
Ich musste ein Weilchen aufhören. Wer das liest, merkt es nicht, außer daran, dass ich vom Themenfluß abkomme. Ich musste aufhören, weil die Landschaft gerade so schön ist. Kaum hinter Aachen ist die Landschaft wunderschön. Hügelig und waldig (waldig-das Wort gibt es nicht, oder?! Gefällt mir aber), Kühe und charmante Bauernhöfe, Hecken, die die Wiesen abteilen und das alles im Abend-Sonnenlicht.
Aber zurück in den Zug. Denn die Stimmung hier gefällt mir, inspiriert. Diese vier Menschen, deren Stimmen ich wie einen ständigen Fluss um mich habe, gehören zwei Paaren. Es sind Franzosen, Renter aus der gut situierten Bildungsschicht. Eigentlich kann es gar nicht anders sein, als das die beiden Männer ihr Berufsleben als Lehrer oder Dozent verbracht haben.
Ihre Frauen vermutlich Hausfrauen, oder halbtags Beschäftigte in einem Büro, immer gerne an der Seite des Ehemannes, um diesen ins Museum, Theater und in den Konzertsaal zu begleiten. Am Tisch spricht man über das gute Essen und gute Restaurants, die man zu besuchen plant. Nach Tisch gibt es einen Cognac für ihn, einen Kräutertee für sie, und man unterhält sich über Kultur. So wie jetzt. Ich höre selten in einer Stunde so viele Namen von Architekten, Malern, Verstorbenen, von Städten und deren Museen und Bauwerken.
Ich habe das Glück auf einen 1A-Steretypen getroffen zu sein. Beigefarbene Jacketts für die Männer und braun karierte Hosen. Koffer in grün mit Lederriemen eingefasst. Die Frauen kann ich leider nicht sehen. Nur hören. Mit hohen Stimmen höre ich: „Oui, oui, oui.“ Oder „Ah ca!“ „Eh oui“. Sie sind eigentlich nur Hintergrundmusik für die Männerworte.
Ich habe einen Riesen-Vorteil. Ich kann die Stimmen ausschalten. Ich höre sie, aber ich muss ihnen nicht zuhören. Würden sie deutsch sprechen, wäre das nicht möglich. Ich kann es wie einen Schalter ein- und ausschalten. Hinhören. Weghören. Arme Franzosen, die hier versammelt sind, die werden die ganze Zeit beschallt. Aber vielleicht haben die auch so einen Schalter.
Oha!! Die Herrschaften stehen auf (zehn Minuten vor Liège). Sind gar keine Franzosen. Belgier. Schade, als französische Bourgeois, passten sie viel besser in meine Clichée-Schublade. Die Stimmen werden mir fehlen. War eine gute Einstimmung auf Paris.
Es wird langsam dunkel. Gleich acht Uhr. Im Dunkeln Zug fahren finde ich schrecklich. Im Hellen wunderbar. Mit der Landschaft ziehen auch meine Gedanken. Manchmal fühle ich mich dabei wie in einem Musikvideo. So als sähe ich mich von außen, und schaue mir zu, wie ich nachdenklich aus dem Fenster schaue.
Wenn es aber dunkel ist, sehe ich nur mich, wenn ich aus dem Fenster schaue. Das sieht längst nicht so schön aus, wie die sich ständig bewegende Landschaft.
Ich muss noch ein wenig volltanken und aus dem Fenster schauen, bevor das Fenster zum Spiegel wird. Kleine Pause also (die wieder niemand merkt).
Vielleicht sollte ich meinen Bericht auch ganz beenden. Wenn man einen blog liest, will man wohl lieber kurze Texte, sonst traut man sich erst gar nicht ran.
Ich kann ja morgen weiter schreiben.
Oder einen neuen Blog beginnen. Dann gibt es einen aus dem hellen Zug mit den französischen Belgiern, und einen aus dem dunklen Zug ohne Bildungsangebot. Mal sehen, was noch kommt...
Abonnieren
Posts (Atom)
