Dienstag, 6. Oktober 2009

WinterZeit

Ich bin enttäuscht. Zufällig werde ich heute um kurz vor sieben wach. Blöd, denke ich, ich hätte doch schön noch ne Stunde schlafen können. Gut, denke ich, dann höre ich gleich wenigstens noch mal die „Machste mir nen Kaffee fertig“-Stimme. Es wird halb sieben, ich lausche. Nichts passiert. Ich denke mir, das muss an der Jahreszeit liegen. Es ist jetzt plötzlich dunkel morgens um halb sieben, und kalt ist es auch. Vermutlich steht der Kioskbesitzer nicht mehr wartend auf „Machste mir nen Kaffee fertig“ vor seinem Laden. Er hat vermutlich nicht mal mehr seine Tür offenstehen. Das heißt „Machste mir nen Kaffee fertig“ muss jetzt eintreten und dort seine Worte sagen. Die höre ich dann nicht mehr. Schade. Der Winter ändert wirklich alles.
Es geht auf sieben Uhr an, plötzlich höre ich „Nen Kaffee!“ Das ist die Stimme. Gleich darauf höre ich die Autotür, und dann höre ich etwas, was ich nicht hören mag. Er hustet und räuspert sich, zieht hoch und spuckt aus. Igittigittiggitttt! Das mag ich gar nicht. Alles wird anders im bösen Winter: Auf halb sieben ist kein Verlass mehr, es ist selbst um sieben noch dunkel, die Stimme sagt nicht mehr den üblichen Satz, ist wohl auch wintermäßig gelaunt und hat nur noch Energie für „nen Kaffee!“ und dann rotzt er auch noch.

Es wird Zeit, dass ich die Meine mal sinnvoller nutze.

Mittwoch, 30. September 2009

Adieu Weisheit!

Gestern ist was passiert! Gestern hat schon Tage vorher Schatten geworfen, die nur durch konzentriertes Nicht-dran-Denken weggepustet werden konnten. Ich musste zum Zahnarzt. Gestern. 14 Uhr. Zuvor stand ich noch auf dem Markt. Ganz banal, zusammen mit so vielen anderen. Ich bekomme heute einen Zahn gezogen. Ich machte Gymnastik zusammen mit anderen. Wie jeden Dienstag. Am Morgen vor einem normalen Dienstag. Ist kein normaler Dienstag. Heute ist Zahnarzt-Dienstag. Weisheitszahnziehdienstag.
14 Uhr. Ich stehe am Pult, vor der Zahnarzthelferin. „Hallo, ich habe jetzt einen Termin.“ Sie blättert hin und her, schaut und schaut, sagt: „Sie stehen hier heute nicht drin. Sie sind für nächsten Dienstag eingetragen.“ Nein, nein, nein, das geht nicht. Ich habe mich mental darauf vorbereitet, dass es heute sein wird. Ich habe nicht nur mich, sondern sämtliche liebe, sorgenvolle Freunde und Mutter, darauf vorbereitet. Ich war auf dem Markt und dachte an Zahnarzt. Ich war beim Sport und dachte an Zahnarzt. Ich kann jetzt nicht heimgehen, mit diesem Zahn im Mund. Vor allem, nicht mit dem Gefühl, es hinter mich gebracht zu haben. „Dann muss das ein Missverständnis sein. Ich bin ganz sicher, dass ihre Kollegin mir diesen Termin gemacht hat.“ „Gut, dann nehmen Sie im Wartezimmer Platz. Es kann aber eine Weile dauern.“ Oje, noch länger warten. Alle, die wissen, dass ich um 14 Uhr auf dem Stühlchen sitzen werde, müssten nun eigentlich informiert werden, dass sie nicht umsonst an mich denken sollen. Kaum zu Ende gedacht, sagt jemand: „Frau Schmitz bitte.“ Schmitz bin ich. Kann aber nicht ich gemeint sein. Ich muss doch noch warten. Schmitz heißt ja auch hier in dieser Stadt jeder Zehnte. Es steht aber niemand auf. Na gut, wenn sonst kein Schmitz will, dann geh ich eben. Soll ja auch keiner meinen Zahn gezogen bekommen. Wobei, wenn das jemand anderes für mich erledigen könnte, wäre das eine feine Sache.
Ich sitze auf dem blauen Stuhl und Herr Doktor setzt sich neben mich. Klingt gemütlich. Aber jeder weiß, dass das Bild trügt. Herr Doktor setzt die Spritze in meinen Hals, warnt, dass es jetzt unangenehm ist, und lobt, dass ich nicht mal mit der Wimper gezuckt habe. „Ich bin Zahnarzt-Profi,“ protze ich. Nachdem ich noch ein paar Minuten mit meinem scheinbar gewaltig anschwellenden Rachen alleine bleiben darf, kommt er wieder und legt sich schon ins Zeug. Ins Zeug ist in dem Fall mein Mund. Er macht irgendwas. Ich höre ein leichtes Knirschen und dann seine Stimme: „So, das war s.“ „Machen Sie Witze?“ würde ich gerne sagen, wenn ich etwas artikulieren könnte. Er sagt „Auf Wiedersehen“ und ich will ihn nicht gehen lassen. Er kann doch noch nicht fertig sein?! Das hat jetzt nicht mal fünf Minuten gedauert. Ich habe ungefähr 4 Tage lang Schatten weggepustet für nicht mal fünf Minuten Tortur!? Und es war noch nicht mal Tortur. Er lässt sich von mir nicht mehr in ein Gespräch verwickeln, ist schon aus dem Raum. Die Sprechstundenhilfe kann so schnell nicht weg, muss ja noch aufräumen. Ich sitze immer noch auf dem Stuhl und bin verwirrt. Ich erzähle ihr, dass ich verwirrt bin, dass mir das jetzt alles zu schnell ging. Gott sei Dank entdecke ich meinen Zahn. Er liegt blutig und einsam auf dem Tabletttisch. Den will ich mitnehmen. Dann habe ich wenigstens was Greifbares, wenn schon die Erinnerung aufgrund der geringen Zeit nichts hergeben wird. Ich kann die Sprechstundenhilfe nicht länger aufhalten. Sie hat auch überhaupt keine Lust auf mich. Meine Verwirrung findet sie weder lustig, noch interessant. Also muss ich gehen.
Jetzt eigentlich fängt erst das Unangenehme an. Ich beisse brav die Zähne zusammen, um damit den blutsaugenden Wattebausch festzuhalten. Es ist eklig. Alles schmeckt nach Blut. Ich denke an Tampons. Tampon im Mund, muss sich wohl so anfühlen. Solche Gedanken kann ich nur haben, weil ich gerade Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ gelesen habe.
Nach ner halben Stunde soll der Tampon raus. Stundenlang blutet es nach, und ich hoffe, dass das alles normal ist. Wenigstens bleibt das Blut in mir, ich verliere kein Blut, denke ich. Ich trinke es ja gleich wieder. Das ist wohl ziemlich naiv gedacht. Und klingt auch wieder sehr nach Charlotte bzw. Helen.
Irgendwann ist der Zahn nicht mehr im Vordergrund. Der Blutgeschmack nicht mehr so präsent. Ich traue mich mal mit der Zunge an den Krater. Und irgendwann habe ich mich auch an den gewöhnt. Alles gut. Ein Freund sagt mir, nun käme die Zahnfee. Das klingt gut.
Nun brauche ich noch einen Schlusssatz. Will mir keiner einfallen.
Dann lasse ich euch eben genauso perplex stehen, wie der Herr Doktor mich hat stehen lassen.

Donnerstag, 24. September 2009

Morgens, halb sieben, in Ehrenfeld

„Machst du mir nen Kaffee fertig“!? Bitte díesen Satz in schönstem Kölner Dialekt, von einer tiefen Herrenstimme gesprochen, lesen. Diesen Satz höre ich jeden Morgen, pünktlich um halb sieben. Gefolgt von dem Geräusch einer Autotür, die auf- und dann wieder zugemacht wird. Gefolgt von der Klingel des Kiosks, die beim Ein- und Austreten erklingt. Kurze Zeit später wird ein Motor gestartet und manchmal höre ich noch ein paar Wortfetzen.
Mir fällt das jetzt seit einer Woche auf. Ich weiß nicht, ob es das vorher nicht gab, oder ob ich die Stimme vorher einfach überhört habe. „Machst du mir nen Kaffee fertig!?“ immer derselbe Ton, immer dieselbe Melodie, immer dieselben Worte. Warum sagt er nicht mal: „Tust du mir nen Kaffee?“ (wir sind doch schließlich in Köln!), oder „Ich brauch nen Kaffee“ oder, und das fände ich das Natürlichste : „Wie immer.“ Oder „Du weißt ja Bescheid!“ Jeden Morgen gibt er, als sei es das erste Mal die Erklärung ab, dass er einen Kaffee möchte. Das weiß der Kioskbesitzer doch längst. Vermutlich hat er um halb sieben bereits den fertig gemachten Kaffee in der Hand. Überhaupt „Machst du mir nen Kaffee fertig!?“ Was ist daran fertig zu machen? Fertig ist er längst. Steht in der gläsernen Kanne, in die er vor vielleicht einer Stunde langsam hinein tröpfelte. Fertig ist er, wenn er in einen Becher gefüllt ist. Vielleicht sogar schon so, wie der Kaffeetrinker ihn haben möchte. Mit Milch oder ohne. Mit Zucker oder ohne.
Irgendwann werde ich morgens mal aufstehen, mich weit aus dem Fenster lehnen, um zu sehen, wer der Kaffeebesteller ist. Ich habe schon ein gutes Bild von ihm. Ein Mann um die vierzig, vermutlich ein Handwerker, ein freundliches Gesicht, aber auch unnahbar. Ich möchte auch den „fertigen Kaffee“ sehen. Vielleicht ist es kein gewöhnlicher Kaffee zum Mitnehmen. Vielleicht hat er seine Spezialtasse, einen Thermobecher, oder nur einen Plastikbecher, den er gleich auf der Stelle wegschluckt. Denn lange hält er sich ja nicht auf. Nur solange, bis der Kaffee fertig gemacht ist.
Sein Ritual, und das Ritual des Kioskbesitzers wird zu meinem Ritual.
Und man fragt sich, ob ich zuviel Zeit habe... ☺

Dienstag, 22. September 2009

Paris-Köln

Ich bin wieder daheim, und das fühlt sich so gut an. „Das Schönste am Wegfahren ist das nach Hause kommen.“ Irgendjemand hat wohl mal diesen Satz in die Welt geschmissen, und viele haben ihn aufgefangen. Mag ich eigentlich nicht, diese aufgeschnappten Sätze. Aber gerade wird er für mich wahr. Mein Zuhause ist jetzt noch schöner, als es vorher war. Meine Wohnung ist, obwohl sie dringend mal aufgeräumt werden muss, plötzlich so schön, wie neu, die Cafés rundherum sind reizvoller als zuvor, der Rhein strahlender, der Dom imposanter, und auch meine Freunde betrachte ich mit freudiger Dankbarkeit, dafür dass sie halt meine Freunde sind.
Samstag morgen trieb ich mich noch auf einem Trödelmarkt im zweiten Arrondissement, in schönen Strassen, und vor dem Rathausplatz dieses Viertels herum. Dann entdeckte ich noch einen weiteren, wunderschön vor der Kulisse des Place des Abbesses, ein antikes Karussell, die hübschen Montmartre-Häuser und antikes Zeug lag vor langhaarigen, Gauloise-rauchenden Profi-Trödlern. Ein Anblick, der jeden Tourist an diesem herbstlichen, sonnigen Samstagmorgen erfreute. Mich nicht. Doch, äußerlich schon, aber ich war nicht wirklich da. Ich sprach niemand an, kaufte lediglich zwei Sporthosen (eine davon ist ein „Yoga-Rock“: „Vous pouvez ecarter les jambes et rien ne se voit“- Aha, ich kann also die Beine grätschen, ohne dass man was sieht. Kaufe ich. Ist lustig.) Das war aber auch schon fast die lebhafteste Situation meines Trödelmarktmorgens.
Der Sonntag danach: nach einem schönen Frühstück mit Freunden auf der Terrasse von einem Café, radle ich ins nächste Stadtviertel zum Trödelmarkt. Der Platz ist nett, aber nicht annähernd so schön, wie die Pariser Trödelplätze. Ich bin heiter, offen, freue mich an den Dingen, die da rumliegen, plaudere und lache mit den Leuten dahinter, treffe einen Bekannten. Finde eine Kette für meine Mutter, einen Badezimmerteppich, ein T-Shirt, eine Tischdecke, drei Bücher.
Hier ist alles leichter. Hier bin ich einfach da. Hier habe ich mit jedem Schritt, den ich mache, das Gefühl, ich gehöre hier her. Meine Schritte in meiner Stadt.
„In einer Stadt gehört dir nichts“, sagte einmal ein guter Freund, den ich fragte, warum er lieber seinem kleinen Dorf wohne. Genauso wie ihm geht es mir. Nur andersrum. Köln gehört mir. Ich teile es gerne mit 995 378 anderen Kölnern. Du bist Deutschland. Ich bin Köln.

Sonntag, 20. September 2009

Mit dem Rücken zu Paris

Ich lüge, wenn ich diesen Blog so nenne. Denn ich sitze im Zug, und fahre rückwärts. Das heißt, Paris liegt mir nicht im Rücken, sondern vor mir. Aber es passt so gut, darum gönne ich mir jetzt mal so etwas wie dichterische Freiheit.
Ich bin froh, dass ich mit jedem Kilometer Paris ferner, und Köln näher komme. Ich weiß nicht, wem ich dafür die Schuld geben soll. Paris oder mir. Ist Paris einfach schrecklich laut, dreckig, hektisch, vollgestopft, stereotyp und ermüdend, oder will ich Paris so sehen? Macht die Stadt mich missmutig, angespannt, gestresst und leicht ängstlich, oder kommt das aus meiner Sicht auf die Stadt. Gibt es da wieder nur einen Schalter, den ich umlegen könnte? Lauter Fragen, auf die ich die Antworten ehrlich gesagt, bereits kenne. Ja, ich bin Schuld, dass ich Paris ins schlechte Licht stelle, denn ich will es so sehen. Ja, ich könnte die vielen Menschen auch anders betrachten, auch die lauten Farbigen, die schubsenden Pariser, die prolligen Marokkaner. Ich könnte sie alle lieb haben, und dann würde ich auch kein Unwohlsein mehr empfinden. Ich könnte den Menschen in die vollgequetschte Metro vorlassen, anstatt mich selber zu quetschen. Der bettelnden Zigeunerin, könnte ich auf ihr „Speaking english?“ antworten „Non. Francais?“ und ihr damit auf nette Art den Wind aus den Segeln nehmen. Ich könnte langsam gehen. Ich könnte lächeln. Tout simplement. Und damit hätte ich wohl den Schalter schon umgelegt.
Aber um nicht nur mit mir zu hadern, muss ich auch mal en schönsten Moment des Tages festhalten. Einen „Schalter-Moment“. Ich stehe am Gare du Nord und warte auf meinen Zug. Ich sehe einen Clochard, der mir schon vor ein paar Tagen aufgefallen war. Er ist rappeldünn, ein Skelett, und sucht in den Mülleimern nach Essensresten. Ich hatte neulich ein halbes, nicht aufgegessenes Sandwich in der Tasche. Ich hätte es ihm geben wollen. Aber ich habe es nicht gemacht. Mir fehlte der Mut. Warum Mut? Wovor Angst? Angst, dass er es mir um die Ohren haut. Angst, etwas zu machen, worauf die anderen aufmerksam werden.
Heute sah ich ihn also wieder, und das war wohl meine zweite Gelegenheit. Ich hatte einen Kinderriegel in der Tasche, der mir nicht sehr am Herzen lag. Er hing wieder tief in einer Mülltonne drin, als ich mich zu ihm runterbeugte und fragte: „Vous mangez du chocolat?“ Ich weiß gar nicht ob er was geantwortet hat, es war ja auch nicht wirklich eine Frage. Ich gab ihm den Riegel und ging ein paar Meter weg. Ich beobachtete ihn. Er lehnte sich an die Tonne, und packte den Riegel gleich aus. Das Papier warf er in den Mülleimer und er aß, nicht mal sehr hektisch und ausgehungert, sondern fast anmutig. Als er ihn auf hatte, beugte er sich wieder in den Mülleimer, und angelte einen Becher heraus, nahm den Deckel ab und trank den letzen Schluck, der wohl noch darin war.
Ich kamenTränen in die Augen.
Ich freute mich, dass ich mich getraut habe, aber gleichzeitig tat er mir so leid. Wie anders sieht sein Leben aus! Wie schmeckt ein Schokoriegel, wenn man seit Tagen nichts mehr gegessen hat!? Dieser Mann führt das Leben eines Tieres, immer auf Nahrungssuche. Mit dem Unterschied, dass das Tier nicht am Rande steht und von den anderen missachtet wird.
Und dass das Tier in den meisten Fällen so was wie eine Familie hat.

Montag, 14. September 2009

Was ich sehe

Meine Begeisterung für die Stadt, deren Name träumen lässt, ist irgendwie verschwunden. Ich finde sie nicht wieder. Obwohl ich an den schönsten Ecken nach ihr gesucht habe. Am Place des Vosges, im Innenhof des schönen schwedischen Kulturinstituts, in meinem Lieblingskaufhaus, sie bleibt unauffindbar.
Die besonderen Momente, die ich manchmal hier erlebe, spielten sich dort auch nicht ab. Doch, einen gab es. Im Bus. Mittlerweile fast mein Lieblings-Ort in Paris. Schön langsam wird man an allem vorbeigefahren. Ist mittendrin, so eng sind manchmal die Strassen, so nah die Fußgänger und das Leben vor der Scheibe. Die Busfahrer sind erstaunlich freundlich und die Passagiere im Bus wirken entspannt. Darum nehmen sie wohl auch den Bus. Wären sie gehetzt nähmen sie die schnelle Metro.
Ich steige also in den Bus, zusammen mit anderen. Der Bus ist dreiviertel voll. Ich sitze und neben mir steuern zwei ältere Menschen auf die Sitzbank an. Sie kommt von hinten, er von vorne. Sie lässt ihn vor. Er zögert. Will durchrutschen ans Fenster, schaut aber noch um sich nach einem, ihm sympathischeren Platz. „Ah non, je vais là,“ sagt er und will sich an ihr vorbeidrücken an einen Platz weiter hinten. Dann überlegt er es sich noch mal und will doch auf die Sitzbank neben mich, wo die Frau immer noch von seinen Launen hin und herbewegt wird. Sie lässt ihn also durchrutschen, sagt aber noch: „C est votre dernier mot?“ Toll!! Ich bin begeistert. „Ist das ihr letztes Wort?“ fragt sie ihn. Nicht kampflustig, ganz sachlich, und damit hat sie vollkommen recht. Das liebe ich an den Parisern. Sie sprechen. Sie sprechen mit Fremden. Das passiert uns doch eher selten. Da muss uns schon jemand auf dem Fuß stehen, bevor wir ihn ansprechen. Ay!

Sonntag, 13. September 2009

Wo ich bin

Und es passiert noch was.
Derselbe Raum, aber ein komplett neues Ambiente. In Brüssel steigen plötzlich Massen von Passagieren in unser ruhiges, rotes, Zugwägelchen, wo ich gerade beschlossen hatte, ein wenig die Augen zu schließen. Plötzlich aber sind wieder viele Stimmen um mich. Ich kann mich nur noch zurücksehnen nach französisch sprechenden Rentnern. Auch wenn die nicht so meine Themen besprachen, dann gaben die mir doch ein besseres Gefühl, als die vielen neuen, bunten Passagieren. Was ich von diesen gerade vorrangig mitbekomme, ist eine Stimme, die aus einem rotgeschminkten, dicklippigen Mund kommt. Sie spricht englisch, aber mit starkem Akzent. Manchmal spricht sie auch ein paar französische Worte, aber auch da setzt er sich durch: der afrikanische Akzent. Sie wird ständig angerufen. Vermutlich von einem Mann, der irgendwo in Paris in seiner Wohnung hockt und ganz schön scharf auf diese kleine, schmale Afrikanerin, in ihrem tigergemusterten, hautengen Oberteil, ist. Sie hört nicht auf, ihm zu sagen, dass sie müde ist, erst spät ankommen wird, einen langen Tag hatte, an dem alles schief lief, dass sie müde ist, dass sie heute nicht mehr will.
Nun spricht sie mit ihren Sitznachbarn. Und hier geht das Licht aus. Technisches Problem. Wir stehen immer noch in Brüssel-Zuid. Schon zwanzig Minuten. Ich hoffe, die Afrikanerin mit dem Tag, an dem alles schief lief, bringt ihr Unglück nicht mit in den Zug.
Dass sie müde ist, kann ich ihr nicht wirklich glauben. Lebhaft erzählt sie den Menschen um sich herum aus ihrem Leben. Ich höre keine anderen Stimmen, nur ihre. Sie braucht keinen Gegenspieler für ihr Match.
Ihre Stimme brennt sich in mir fest. Sie erzählt irgendwas von „Tam Tam“, ein Wort, dass für irgendetwas steht. Was, das kann ich leider nicht verstehen. Sie sagt es ständig. Lacht dabei. Diese zwei Worte und ihr Lachen werde ich noch tagelang erinnern können. Wie ein Musikstück, an das man denkt, und gleich mit komplettem Orchester im Ohr hat.
Meinen letzten Blog beendete ich, indem ich sagte: Eine gute Einstimmung auf Paris. Um ehrlich zu sein, das war die romantische Einstimmung auf Paris. Auf das Paris der Touristen, auf das Vorzeige-Paris, das Saubere und Harmonische, das Akkordeon-Paris. Ein Paris, in dem Franzosen leben.
Die Zugatmosphäre ab Brüssel stimmt mich ein, auf das echte Paris. Auf das bunte Paris. Auf das Paris, dass sich Franzosen mit Afrikanern, Marokkanern, Asiaten, teilen. Hier sind sie alle versammelt und so fühlt sich Paris an. Nicht im ersten, zweiten und nicht in den meisten einstelligen Arrondissements. Aber da, wo die blendende Schönheit von Paris aufhört, da fängt das an, was auch zu Paris gehört: ein bunter Ameisenhaufen.