Sonntag, 15. November 2009

Dankbar

Ich habe lange nichts mehr geschrieben. Und habe sogar schon Beschwerden darüber erhalten. Naja eine Beschwerde. Aber ich selber beschwere mich auch. Bei mir. Schreiben ist auch immer eine Herausforderung. Es soll ja was herauskommen, was mir gefällt. Und die Gefahr, dass mir das nicht gelingt, ist immer da.
Sei s drum (dieser Ausdruck gefällt mir hier und jetzt), jetzt schreibe ich.
Wieder einmal habe ich kein Thema parat. Wieder einmal ist eigentlich nicht richtig. Denn wenn ich hier was für den Blog schreibe, dann doch meistens aus einem Motiv heraus. Der Fotograph hat das Motiv bereits vor Augen, jetzt gilt es, dieses zu fixieren.
Als ich mich eben auf dem Weg in dieses Café befand, dachte ich darüber nach, welches mein Motiv sein könnte. Mir ist eingefallen, dass ich mich gerade sehr dankbar fühle. Die Dinge, für die ich dankbar bin, könnte ich doch eigentlich gut mal „in die Welt“ schreiben.
Gestern war mir etwas mulmig. Ich hatte den ersten Tag in einem vielleicht neuen, kleinen Job. In einem neuen, kleinen Café wollte ich gerne mitarbeiten. Am ersten Tag fühlt man sich erstmal wenig wohl. „Die Neue“ ist eine schlechte Rolle. Aber es ging alles sehr gut. Ich legte den Unsicherheitsmantel schnell ab, und machte einfach. Ich versuchte das Zögern aus den Bewegungen zu nehmen. „Das ist dein erster Tag heute? Du bist wie gemacht für diesen Ort!“ sagten mir Gäste. Wer zögert da noch lange. Ich zögerte, meine neue Chefin zu umarmen. Und dann tat sie es. Dafür bin ich dankbar.
Heute war ich inmitten meiner Familie. Das ist kein grosses Ding. Da sind meine Eltern und meine Grosseltern. Mein Bruder gehört auch noch zu dem Paket, aber der war heute nicht dabei. Opa hat Geburtstag. Wir sind bei der Oma im Altenheim und trinken Kaffe und essen Kuchen. Opa ist für seine Jahre noch ganz schlagfertig. „Wie alt bist du nun eigentlich geworden?“ „39“, sagt der 93-Jährige.
Irgendwie ist alles gut. Wenn auch die Oma so still ist. Der Opa auch wieder grosse, zum x-ten Mal wiederholte Reden schwingt. Der Papa uns mit seinen Fragen traurig oder genervt stimmt, weil er uns wieder bewusst macht, dass er alt geworden ist. Die Mama angespannt den Tisch deckt und die Augen über des Mannes unmündiges Verhalten rollt. So ist doch alles gut. Ich habe sie alle lieb, und sie haben mich alle lieb (bei dem Opa bin ich mir nicht so sicher, aber ich habe Zeit genug gehabt mich damit abzufinden). Sie haben mich sogar so lieb, dass sie nicht wollen, dass ich nachher am kalten, dunklen Bahnsteig auf einen Zug warten muss, und nehmen einen grossen Umweg in Kauf und fahren mich nach Hause.
Ich bin dankbar für meine Familie.
Heute morgen war ich beim Yoga. Der Körper macht brav mit. Er dehnt sich soweit, wie ich es von ihm verlange. Wenn er ziept, dann soll er seine Ruhe haben. Wir sind gute Kumpels. Dafür bin ich dankbar.
Nachher schmolz ich in die Sauna-Holzbänke und dann in die weichen Polster des Liegestuhls. Wir können uns so wohl fühlen, Ich spüre die Wärme und Weichheit immer noch. Dafür bin ich dankbar.
Gerade ist es so mild draussen. Je weniger kalte Tage der Winter hat, umso besser. Dafür bin ich dankbar.
Ich trinke gerade ein kleines Glas Weißwein. So ein kleines Glas Wein fühlt sich in Körper und Geist sehr angenehm an. Ein ähnliches Verschmelzen wie in der warmen Sauna entsteht. Meine Beine verschmelzen in meinen Knien, meine Augen in ihren Kuhlen, mein Atem in meinem warmen Körper. Der Geist verschmilzt mit seiner Umgebung. Die Musik und die Stimmen um mich herum, in diesem sonntagvorabendlichruhigem Café verwabern sich, mein Blick fixiert sich, da wo er sich sonst nicht zu ruhen erlaubt, manche Fragen stellt man sich einfach nicht mehr. Dafür bin ich dankbar.
Ich bin dankbar, dass ich auf diesem feinen Computer tippen darf, der mir von einem sehr feinen Menschen geschenkt wurde.
Ich bin dankbar, dass ich diese Hose tragen kann, weil ich sie auf einem Flohmarkt für wenige Euro fand. Ebenso die Schuhe. Und die Bluse. Ich bin dankbar für meinen Spürsinn. Oder für den Typ da oben, der die Fäden zieht, und mich so oft im richtigen Moment an die richtige Stelle lenkt. Ich bin dankbar, dass ich diese Intuition fühlen kann.
Ich bin dankbar, dass der Yoga-Lehrer uns heute morgen so eine lange End-Entspannung gegönnt hat, und mit langem Atem den ganzen Körper mit uns durchgegangen ist.
Ich bin dankbar, dass ich ihm dafür gedankt habe. Und dass er sich bei mir dafür bedankt hat.
Ich bin dankbar dafür, dass ich am heutigen Sonntagabend nicht mit Grummeln an die bevorstehende Woche denken muss.
Ich bin dankbar, dass ich in einer Stunde die Treppe in meinem Haus hinuntersteige, und mit meinen befreundeten Nachbarn/benachbarten Freunden, gemeinsam „Tatort“ schauen werde. Wir könnten auch „Musikantenstadl“ anschauen, mir egal, ich freue mich einfach mit diesen Menschen so etwas wie Familie zu fühlen.
Wird es langsam kitschig? Zuviel des Dankens? Es gibt da ein Kirchenlied. Es kann eigentlich nur evangelisch sein. Es geht so: „Danke für diesen guten Morgen, Danke für jeden neuen Tag, Danke (für dies und jenes, habe ich vergessen)... Danke, dass ich danken kann.“ Kennt das jemand? Musste ich gerade dran denken.
Na gut, ich höre auf. Wird jetzt eh Zeit. Gleich kommt Tatort.

Dienstag, 6. Oktober 2009

WinterZeit

Ich bin enttäuscht. Zufällig werde ich heute um kurz vor sieben wach. Blöd, denke ich, ich hätte doch schön noch ne Stunde schlafen können. Gut, denke ich, dann höre ich gleich wenigstens noch mal die „Machste mir nen Kaffee fertig“-Stimme. Es wird halb sieben, ich lausche. Nichts passiert. Ich denke mir, das muss an der Jahreszeit liegen. Es ist jetzt plötzlich dunkel morgens um halb sieben, und kalt ist es auch. Vermutlich steht der Kioskbesitzer nicht mehr wartend auf „Machste mir nen Kaffee fertig“ vor seinem Laden. Er hat vermutlich nicht mal mehr seine Tür offenstehen. Das heißt „Machste mir nen Kaffee fertig“ muss jetzt eintreten und dort seine Worte sagen. Die höre ich dann nicht mehr. Schade. Der Winter ändert wirklich alles.
Es geht auf sieben Uhr an, plötzlich höre ich „Nen Kaffee!“ Das ist die Stimme. Gleich darauf höre ich die Autotür, und dann höre ich etwas, was ich nicht hören mag. Er hustet und räuspert sich, zieht hoch und spuckt aus. Igittigittiggitttt! Das mag ich gar nicht. Alles wird anders im bösen Winter: Auf halb sieben ist kein Verlass mehr, es ist selbst um sieben noch dunkel, die Stimme sagt nicht mehr den üblichen Satz, ist wohl auch wintermäßig gelaunt und hat nur noch Energie für „nen Kaffee!“ und dann rotzt er auch noch.

Es wird Zeit, dass ich die Meine mal sinnvoller nutze.

Mittwoch, 30. September 2009

Adieu Weisheit!

Gestern ist was passiert! Gestern hat schon Tage vorher Schatten geworfen, die nur durch konzentriertes Nicht-dran-Denken weggepustet werden konnten. Ich musste zum Zahnarzt. Gestern. 14 Uhr. Zuvor stand ich noch auf dem Markt. Ganz banal, zusammen mit so vielen anderen. Ich bekomme heute einen Zahn gezogen. Ich machte Gymnastik zusammen mit anderen. Wie jeden Dienstag. Am Morgen vor einem normalen Dienstag. Ist kein normaler Dienstag. Heute ist Zahnarzt-Dienstag. Weisheitszahnziehdienstag.
14 Uhr. Ich stehe am Pult, vor der Zahnarzthelferin. „Hallo, ich habe jetzt einen Termin.“ Sie blättert hin und her, schaut und schaut, sagt: „Sie stehen hier heute nicht drin. Sie sind für nächsten Dienstag eingetragen.“ Nein, nein, nein, das geht nicht. Ich habe mich mental darauf vorbereitet, dass es heute sein wird. Ich habe nicht nur mich, sondern sämtliche liebe, sorgenvolle Freunde und Mutter, darauf vorbereitet. Ich war auf dem Markt und dachte an Zahnarzt. Ich war beim Sport und dachte an Zahnarzt. Ich kann jetzt nicht heimgehen, mit diesem Zahn im Mund. Vor allem, nicht mit dem Gefühl, es hinter mich gebracht zu haben. „Dann muss das ein Missverständnis sein. Ich bin ganz sicher, dass ihre Kollegin mir diesen Termin gemacht hat.“ „Gut, dann nehmen Sie im Wartezimmer Platz. Es kann aber eine Weile dauern.“ Oje, noch länger warten. Alle, die wissen, dass ich um 14 Uhr auf dem Stühlchen sitzen werde, müssten nun eigentlich informiert werden, dass sie nicht umsonst an mich denken sollen. Kaum zu Ende gedacht, sagt jemand: „Frau Schmitz bitte.“ Schmitz bin ich. Kann aber nicht ich gemeint sein. Ich muss doch noch warten. Schmitz heißt ja auch hier in dieser Stadt jeder Zehnte. Es steht aber niemand auf. Na gut, wenn sonst kein Schmitz will, dann geh ich eben. Soll ja auch keiner meinen Zahn gezogen bekommen. Wobei, wenn das jemand anderes für mich erledigen könnte, wäre das eine feine Sache.
Ich sitze auf dem blauen Stuhl und Herr Doktor setzt sich neben mich. Klingt gemütlich. Aber jeder weiß, dass das Bild trügt. Herr Doktor setzt die Spritze in meinen Hals, warnt, dass es jetzt unangenehm ist, und lobt, dass ich nicht mal mit der Wimper gezuckt habe. „Ich bin Zahnarzt-Profi,“ protze ich. Nachdem ich noch ein paar Minuten mit meinem scheinbar gewaltig anschwellenden Rachen alleine bleiben darf, kommt er wieder und legt sich schon ins Zeug. Ins Zeug ist in dem Fall mein Mund. Er macht irgendwas. Ich höre ein leichtes Knirschen und dann seine Stimme: „So, das war s.“ „Machen Sie Witze?“ würde ich gerne sagen, wenn ich etwas artikulieren könnte. Er sagt „Auf Wiedersehen“ und ich will ihn nicht gehen lassen. Er kann doch noch nicht fertig sein?! Das hat jetzt nicht mal fünf Minuten gedauert. Ich habe ungefähr 4 Tage lang Schatten weggepustet für nicht mal fünf Minuten Tortur!? Und es war noch nicht mal Tortur. Er lässt sich von mir nicht mehr in ein Gespräch verwickeln, ist schon aus dem Raum. Die Sprechstundenhilfe kann so schnell nicht weg, muss ja noch aufräumen. Ich sitze immer noch auf dem Stuhl und bin verwirrt. Ich erzähle ihr, dass ich verwirrt bin, dass mir das jetzt alles zu schnell ging. Gott sei Dank entdecke ich meinen Zahn. Er liegt blutig und einsam auf dem Tabletttisch. Den will ich mitnehmen. Dann habe ich wenigstens was Greifbares, wenn schon die Erinnerung aufgrund der geringen Zeit nichts hergeben wird. Ich kann die Sprechstundenhilfe nicht länger aufhalten. Sie hat auch überhaupt keine Lust auf mich. Meine Verwirrung findet sie weder lustig, noch interessant. Also muss ich gehen.
Jetzt eigentlich fängt erst das Unangenehme an. Ich beisse brav die Zähne zusammen, um damit den blutsaugenden Wattebausch festzuhalten. Es ist eklig. Alles schmeckt nach Blut. Ich denke an Tampons. Tampon im Mund, muss sich wohl so anfühlen. Solche Gedanken kann ich nur haben, weil ich gerade Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ gelesen habe.
Nach ner halben Stunde soll der Tampon raus. Stundenlang blutet es nach, und ich hoffe, dass das alles normal ist. Wenigstens bleibt das Blut in mir, ich verliere kein Blut, denke ich. Ich trinke es ja gleich wieder. Das ist wohl ziemlich naiv gedacht. Und klingt auch wieder sehr nach Charlotte bzw. Helen.
Irgendwann ist der Zahn nicht mehr im Vordergrund. Der Blutgeschmack nicht mehr so präsent. Ich traue mich mal mit der Zunge an den Krater. Und irgendwann habe ich mich auch an den gewöhnt. Alles gut. Ein Freund sagt mir, nun käme die Zahnfee. Das klingt gut.
Nun brauche ich noch einen Schlusssatz. Will mir keiner einfallen.
Dann lasse ich euch eben genauso perplex stehen, wie der Herr Doktor mich hat stehen lassen.

Donnerstag, 24. September 2009

Morgens, halb sieben, in Ehrenfeld

„Machst du mir nen Kaffee fertig“!? Bitte díesen Satz in schönstem Kölner Dialekt, von einer tiefen Herrenstimme gesprochen, lesen. Diesen Satz höre ich jeden Morgen, pünktlich um halb sieben. Gefolgt von dem Geräusch einer Autotür, die auf- und dann wieder zugemacht wird. Gefolgt von der Klingel des Kiosks, die beim Ein- und Austreten erklingt. Kurze Zeit später wird ein Motor gestartet und manchmal höre ich noch ein paar Wortfetzen.
Mir fällt das jetzt seit einer Woche auf. Ich weiß nicht, ob es das vorher nicht gab, oder ob ich die Stimme vorher einfach überhört habe. „Machst du mir nen Kaffee fertig!?“ immer derselbe Ton, immer dieselbe Melodie, immer dieselben Worte. Warum sagt er nicht mal: „Tust du mir nen Kaffee?“ (wir sind doch schließlich in Köln!), oder „Ich brauch nen Kaffee“ oder, und das fände ich das Natürlichste : „Wie immer.“ Oder „Du weißt ja Bescheid!“ Jeden Morgen gibt er, als sei es das erste Mal die Erklärung ab, dass er einen Kaffee möchte. Das weiß der Kioskbesitzer doch längst. Vermutlich hat er um halb sieben bereits den fertig gemachten Kaffee in der Hand. Überhaupt „Machst du mir nen Kaffee fertig!?“ Was ist daran fertig zu machen? Fertig ist er längst. Steht in der gläsernen Kanne, in die er vor vielleicht einer Stunde langsam hinein tröpfelte. Fertig ist er, wenn er in einen Becher gefüllt ist. Vielleicht sogar schon so, wie der Kaffeetrinker ihn haben möchte. Mit Milch oder ohne. Mit Zucker oder ohne.
Irgendwann werde ich morgens mal aufstehen, mich weit aus dem Fenster lehnen, um zu sehen, wer der Kaffeebesteller ist. Ich habe schon ein gutes Bild von ihm. Ein Mann um die vierzig, vermutlich ein Handwerker, ein freundliches Gesicht, aber auch unnahbar. Ich möchte auch den „fertigen Kaffee“ sehen. Vielleicht ist es kein gewöhnlicher Kaffee zum Mitnehmen. Vielleicht hat er seine Spezialtasse, einen Thermobecher, oder nur einen Plastikbecher, den er gleich auf der Stelle wegschluckt. Denn lange hält er sich ja nicht auf. Nur solange, bis der Kaffee fertig gemacht ist.
Sein Ritual, und das Ritual des Kioskbesitzers wird zu meinem Ritual.
Und man fragt sich, ob ich zuviel Zeit habe... ☺

Dienstag, 22. September 2009

Paris-Köln

Ich bin wieder daheim, und das fühlt sich so gut an. „Das Schönste am Wegfahren ist das nach Hause kommen.“ Irgendjemand hat wohl mal diesen Satz in die Welt geschmissen, und viele haben ihn aufgefangen. Mag ich eigentlich nicht, diese aufgeschnappten Sätze. Aber gerade wird er für mich wahr. Mein Zuhause ist jetzt noch schöner, als es vorher war. Meine Wohnung ist, obwohl sie dringend mal aufgeräumt werden muss, plötzlich so schön, wie neu, die Cafés rundherum sind reizvoller als zuvor, der Rhein strahlender, der Dom imposanter, und auch meine Freunde betrachte ich mit freudiger Dankbarkeit, dafür dass sie halt meine Freunde sind.
Samstag morgen trieb ich mich noch auf einem Trödelmarkt im zweiten Arrondissement, in schönen Strassen, und vor dem Rathausplatz dieses Viertels herum. Dann entdeckte ich noch einen weiteren, wunderschön vor der Kulisse des Place des Abbesses, ein antikes Karussell, die hübschen Montmartre-Häuser und antikes Zeug lag vor langhaarigen, Gauloise-rauchenden Profi-Trödlern. Ein Anblick, der jeden Tourist an diesem herbstlichen, sonnigen Samstagmorgen erfreute. Mich nicht. Doch, äußerlich schon, aber ich war nicht wirklich da. Ich sprach niemand an, kaufte lediglich zwei Sporthosen (eine davon ist ein „Yoga-Rock“: „Vous pouvez ecarter les jambes et rien ne se voit“- Aha, ich kann also die Beine grätschen, ohne dass man was sieht. Kaufe ich. Ist lustig.) Das war aber auch schon fast die lebhafteste Situation meines Trödelmarktmorgens.
Der Sonntag danach: nach einem schönen Frühstück mit Freunden auf der Terrasse von einem Café, radle ich ins nächste Stadtviertel zum Trödelmarkt. Der Platz ist nett, aber nicht annähernd so schön, wie die Pariser Trödelplätze. Ich bin heiter, offen, freue mich an den Dingen, die da rumliegen, plaudere und lache mit den Leuten dahinter, treffe einen Bekannten. Finde eine Kette für meine Mutter, einen Badezimmerteppich, ein T-Shirt, eine Tischdecke, drei Bücher.
Hier ist alles leichter. Hier bin ich einfach da. Hier habe ich mit jedem Schritt, den ich mache, das Gefühl, ich gehöre hier her. Meine Schritte in meiner Stadt.
„In einer Stadt gehört dir nichts“, sagte einmal ein guter Freund, den ich fragte, warum er lieber seinem kleinen Dorf wohne. Genauso wie ihm geht es mir. Nur andersrum. Köln gehört mir. Ich teile es gerne mit 995 378 anderen Kölnern. Du bist Deutschland. Ich bin Köln.

Sonntag, 20. September 2009

Mit dem Rücken zu Paris

Ich lüge, wenn ich diesen Blog so nenne. Denn ich sitze im Zug, und fahre rückwärts. Das heißt, Paris liegt mir nicht im Rücken, sondern vor mir. Aber es passt so gut, darum gönne ich mir jetzt mal so etwas wie dichterische Freiheit.
Ich bin froh, dass ich mit jedem Kilometer Paris ferner, und Köln näher komme. Ich weiß nicht, wem ich dafür die Schuld geben soll. Paris oder mir. Ist Paris einfach schrecklich laut, dreckig, hektisch, vollgestopft, stereotyp und ermüdend, oder will ich Paris so sehen? Macht die Stadt mich missmutig, angespannt, gestresst und leicht ängstlich, oder kommt das aus meiner Sicht auf die Stadt. Gibt es da wieder nur einen Schalter, den ich umlegen könnte? Lauter Fragen, auf die ich die Antworten ehrlich gesagt, bereits kenne. Ja, ich bin Schuld, dass ich Paris ins schlechte Licht stelle, denn ich will es so sehen. Ja, ich könnte die vielen Menschen auch anders betrachten, auch die lauten Farbigen, die schubsenden Pariser, die prolligen Marokkaner. Ich könnte sie alle lieb haben, und dann würde ich auch kein Unwohlsein mehr empfinden. Ich könnte den Menschen in die vollgequetschte Metro vorlassen, anstatt mich selber zu quetschen. Der bettelnden Zigeunerin, könnte ich auf ihr „Speaking english?“ antworten „Non. Francais?“ und ihr damit auf nette Art den Wind aus den Segeln nehmen. Ich könnte langsam gehen. Ich könnte lächeln. Tout simplement. Und damit hätte ich wohl den Schalter schon umgelegt.
Aber um nicht nur mit mir zu hadern, muss ich auch mal en schönsten Moment des Tages festhalten. Einen „Schalter-Moment“. Ich stehe am Gare du Nord und warte auf meinen Zug. Ich sehe einen Clochard, der mir schon vor ein paar Tagen aufgefallen war. Er ist rappeldünn, ein Skelett, und sucht in den Mülleimern nach Essensresten. Ich hatte neulich ein halbes, nicht aufgegessenes Sandwich in der Tasche. Ich hätte es ihm geben wollen. Aber ich habe es nicht gemacht. Mir fehlte der Mut. Warum Mut? Wovor Angst? Angst, dass er es mir um die Ohren haut. Angst, etwas zu machen, worauf die anderen aufmerksam werden.
Heute sah ich ihn also wieder, und das war wohl meine zweite Gelegenheit. Ich hatte einen Kinderriegel in der Tasche, der mir nicht sehr am Herzen lag. Er hing wieder tief in einer Mülltonne drin, als ich mich zu ihm runterbeugte und fragte: „Vous mangez du chocolat?“ Ich weiß gar nicht ob er was geantwortet hat, es war ja auch nicht wirklich eine Frage. Ich gab ihm den Riegel und ging ein paar Meter weg. Ich beobachtete ihn. Er lehnte sich an die Tonne, und packte den Riegel gleich aus. Das Papier warf er in den Mülleimer und er aß, nicht mal sehr hektisch und ausgehungert, sondern fast anmutig. Als er ihn auf hatte, beugte er sich wieder in den Mülleimer, und angelte einen Becher heraus, nahm den Deckel ab und trank den letzen Schluck, der wohl noch darin war.
Ich kamenTränen in die Augen.
Ich freute mich, dass ich mich getraut habe, aber gleichzeitig tat er mir so leid. Wie anders sieht sein Leben aus! Wie schmeckt ein Schokoriegel, wenn man seit Tagen nichts mehr gegessen hat!? Dieser Mann führt das Leben eines Tieres, immer auf Nahrungssuche. Mit dem Unterschied, dass das Tier nicht am Rande steht und von den anderen missachtet wird.
Und dass das Tier in den meisten Fällen so was wie eine Familie hat.

Montag, 14. September 2009

Was ich sehe

Meine Begeisterung für die Stadt, deren Name träumen lässt, ist irgendwie verschwunden. Ich finde sie nicht wieder. Obwohl ich an den schönsten Ecken nach ihr gesucht habe. Am Place des Vosges, im Innenhof des schönen schwedischen Kulturinstituts, in meinem Lieblingskaufhaus, sie bleibt unauffindbar.
Die besonderen Momente, die ich manchmal hier erlebe, spielten sich dort auch nicht ab. Doch, einen gab es. Im Bus. Mittlerweile fast mein Lieblings-Ort in Paris. Schön langsam wird man an allem vorbeigefahren. Ist mittendrin, so eng sind manchmal die Strassen, so nah die Fußgänger und das Leben vor der Scheibe. Die Busfahrer sind erstaunlich freundlich und die Passagiere im Bus wirken entspannt. Darum nehmen sie wohl auch den Bus. Wären sie gehetzt nähmen sie die schnelle Metro.
Ich steige also in den Bus, zusammen mit anderen. Der Bus ist dreiviertel voll. Ich sitze und neben mir steuern zwei ältere Menschen auf die Sitzbank an. Sie kommt von hinten, er von vorne. Sie lässt ihn vor. Er zögert. Will durchrutschen ans Fenster, schaut aber noch um sich nach einem, ihm sympathischeren Platz. „Ah non, je vais là,“ sagt er und will sich an ihr vorbeidrücken an einen Platz weiter hinten. Dann überlegt er es sich noch mal und will doch auf die Sitzbank neben mich, wo die Frau immer noch von seinen Launen hin und herbewegt wird. Sie lässt ihn also durchrutschen, sagt aber noch: „C est votre dernier mot?“ Toll!! Ich bin begeistert. „Ist das ihr letztes Wort?“ fragt sie ihn. Nicht kampflustig, ganz sachlich, und damit hat sie vollkommen recht. Das liebe ich an den Parisern. Sie sprechen. Sie sprechen mit Fremden. Das passiert uns doch eher selten. Da muss uns schon jemand auf dem Fuß stehen, bevor wir ihn ansprechen. Ay!