Samstag, 23. Juni 2012

Mensch ärger dich nicht!

Irgendwer, mir Wichtiger, sagte einmal zu mir: "Man muss loslassen, dann bekommt man zurück!"- so in dem Sinn. Nun durfte ich wieder mal daran erinnert werden. Denn ich vermute, ich habe meine Entschädigung für die gestrige Geldstrafe wegen Falschradelns bekommen. Zumindestens kann ich es mir so zurecht basteln. Als ich gestern abend nach Hause kam, hatte ich einen Brief im Kasten. Ich hatte mich neulich freiwillig gemeldet an einer Befragung teil zu nehmen, vom Land NRW organisiert. In dem Brief wurde sich bedankt für meine Mitwirkung an der Studie, und sie würden das entlohnen. Mit 15 Euro. ....

Freitag, 22. Juni 2012

15 Euro für kleine Weisheiten

Ich habe mich eben über mich selbst wundern dürfen. Ich komme mit dem Rad um die Ecke gesaust, auf dem Bordstein, der nicht der richtige ist, und sehe das Polizeiauto geparkt. Die Tür geht auf, eine junge Polizistin steigt aus, und ich- lächle. Ui, beim Falschmachen erwischt! Ich kann die junge Frau in dem unattraktiven olivgrünen Hemd freundlich anschauen. Sie schaut ein wenig skeptisch, dann lächelt auch sie. „Ach, das ist aber auch so verführerisch, sich hier an dieser Stelle nicht an die Regeln zu halten,“ sage ich. Sie klärt mich auf, dass Fahren auf der falschen Bordsteinseite zu den häufigsten Unfallsituationen führt. „Sie können die 15 Euro in bar oder mit der EC-Karte bezahlen.“ „Au ja, dann nehme ich die EC-Karte.“ Au ja, hab ich gesagt. Was ist da los mit mir? War mir vorher gar nicht aufgefallen, dass ich so gut gelaunt war. „Dann schieben Sie jetzt das Rad oder fahren Sie jetzt auf der richtigen Seite weiter.“ Jaja, echt ein blöder Job, den die da hat. Ich fahre weiter, plaudere an der nächsten Ampel noch kurz mit einem anderen Radfahrer, der sein Rad vorhin schön heuchlerisch an der Polizistin und mir vorbei geschoben hat. „Pech gehabt!“ bedauerte er mich. Dann will es mich überfallen. 15 Euro, das sind mehr als ich für eine Stunde arbeiten bekomme, das wären heute abend drei schöne Gläser Wein gewesen, davon könnte ich… Stopp! Gerade war ich noch so stolz auf meine Leichtigkeit, jetzt im Echo, will die Miesepeter-Stimme kommen!? Ich versuche meinen Kopf zu drehen. Die Polizei hat ja Recht. Meine Freundin hatte tatsächlich auf die Art einen üblen Unfall. Und jedes mal ist mir mulmig wenn ich an dieser unübersichtlichen Stelle auf der falschen Seite daher komme. Ich werde demnächst die Stelle umgehen, den Bürgersteig wechseln. Hey, vielleicht hat mich die Polizei gar vor einem künftigen Unfall bewahrt. Ich denke an Lola rennt. Was wäre passiert, wenn die Polizei da heute nicht gestanden hätte. Ich wäre morgen wieder dort lang gefahren und möglicherweise, hätte es morgen mal nicht gut gegangen. Lauter Gedanken, hin und her, und ich verstehe, wieder mal, wie sehr wir in der Lage sind, unsere Stimmung, unseren Blick auf die Welt, gut oder schlecht, weiter oder wolkig, Energie oder Depression selbst in der Hand haben. Pippi Langstrumpf hat es schon gewusst: „Ich mach mir die Welt wie sie -wie sie- wie sie- mit gefällt.“

Dienstag, 15. Mai 2012

Noch mehr Leben

Nochmal umsteigen vom IC in einen kleinen Nahverkehrszug. Ich setze mich in einen Vierer, mir gegenüber sitzt ein Mann. Vollbart, Helmut Kohl-Brille, unmoderne Jeans, senffarbene Winterjacke. Er sitzt recht unentspannt, angelehnt ans Fenster, die Hände auf seinen Beinen. Er schaut raus, aber scheint nicht wirklich zu schauen. Nur die Augen scheinen raus zu gehen, die Gedanken folgen nicht. Der Zug fährt gerade los, da höre ich den Mann leise sagen: „Ich will nicht mehr.“ Oh nein! denke ich, was kommt denn jetzt noch? Was ist denn heute los? Ich mache erst mal nichts. Schiele zu dem Mann hin, der starrt aber weiterhin aus dem Fenster. Es schien kein Aufruf von „Bitte sprich mit mir !“ zu sein. Ich mache es so ein bisschen wie die Tiere. Bewege mich nicht in der Hoffnung, dann sieht er seine Beute nicht. Er bleibt still. Ich auch. Passiert da gleich noch was? Ich schaue zu der Frau im Vierer nebenan. Sie holt ein Teilchen aus einer Bäckereitüte. Sie lächelt und isst schön hungrig und genussvoll. Kein Sündigen, kein Huch! Die Tüte knistert auffallend laut! Sie kaut, schaut aus dem Fenster, genießt die Landschaft und die Sonne, die in ihr Gesicht scheint. Ich schaue zu ihr, und da ist heile Welt. Ich schaue zum Mann gegenüber und da ist dunkle Welt. Zwei Menschen, komplett andere Ausstrahlung. Ich steige aus. Er bleibt drin. Wo fährt er hin? Wie sieht sein Leben aus? Warum will er nicht mehr? Ich denke mir, hey, du bist gesund, du hast bestimmt ein warmes Zuhause, am Verhungern bist du auch nicht, das allein sollte schon zum Weiterleben ausreichen. Mach was draus! Und wenn du gerade echt grosse Störfaktoren in deinem Leben hast, versuch sie los zu werden. Nicht immer einfach. Vielleicht ist er einsam? Vielleicht ist seine Frau gestorben? Er ist gerade arbeitslos geworden? Er sieht ein bisschen aus wie ein Lehrer. Erdkunde, Mathe. Vielleicht erlebt er täglich die Hölle mit seinen Schülern? Leben... von jedem anders empfunden.

Leben - Zwischen Nürnberg und Schwäbisch Hall

Schnelles Umsteigen in Nürnberg. Vom ICE in den IC. Ich hab einen Fensterplatz reserviert. Aber da sitzt schon eine Frau. Mitte vierzig, eine Farbige, schick angezogen. Normalerweise bestehe ich auf meinen Fensterplatz, aber diesmal war es mir egal. Das Ding, was dafür sorgt, dass ich Geschichten erlebe, hatte da wohl seine Finger im Spiel. Kaum saß ich, sprach mich die Frau im Gang neben mir an. Sie, eine auch Mit-Vierzigerin, blond gefärbt und schlecht frisiert, rotes Labbershirt, gerötete Wangen: „Hat der jetzt ICE gesagt?“ Sie meinte die Stimme, die gerade aus dem Lautsprecher kam. „Willkommen im IC ..“-blabla. „Nein, IC ist das hier,“ sage ich knapp. „Ach, dann ist es ja gut, ich habe nämlich nur ein Wochenendticket, und damit darf ich nicht im ICE fahren.“ Die Frau ist total aufgeregt, darum verkneife ich mir, zu sagen, dass man damit auch nicht im IC fahren darf. Sie redet weiter. Erklärt mir, dass heute nämlich schon alles schief gegangen ist. Erst Schienenersatzverkehr, dann da umsteigen und dann wusste sie nicht, und der Schaffner hat gesagt und sonst sei sie eigentlich eine Stunde später da und sie muss nach Stuttgart und, und, und. Die farbige Frau neben mir sagt, mit Akzent, so dass es recht unverständlich klingt, aber ich weiss ja, was sie sagen will:„Wochenendticket gilt nicht im IC.“ Ach je! Die roten Wangen werden noch röter. Und vor uns dreht sich ein Junge rum, auch plötzlich aufgeregt: „Ist das nicht der IC?“ Doch, doch, alles gut. Nicht für die blonde Frau. „Oh, nein, aber der Schaffner hat mir gesagt, um 15h noch was, soll ich mit dem Zug nach Stuttgart fahren. Der hätte das doch wissen müssen. Soll ich jetzt aussteigen am nächsten Bahnhof?“ Ein roter Zug fährt an uns vorbei. „Ach, das ist jetzt sicher der Zug, den ich hätte nehmen sollen. Fährt der nach Stuttgart?“ fragt sie mich. Woher soll ich das wissen?! Ich rate ihr nun erstmal hier zu bleiben, der Schaffner hier hätte sicher Verständnis für sie. Was das Szenario abrundet ist die Sprache der Frau. „Ich komme nämlich aus Zwickau. Ich bin Krankenschwester. Und ich fahre ja nie mit dem Zug.“ Ja, das passt alles, denke ich mir, und bin hin und her gerissen zwischen Rührung, Mitleid und Lass-mich-jetzt-mal-in-Ruhe. „Wissen Sie, mein Tag heute fing schon so schlimm an.“ Und sie erzählt mir, dass sie zwei Töchter hat und mit der einen wollte sie die andere in Stuttgart besuchen. Sonst fahren sie da immer mit dem Auto hin, aber diesmal schlug sie vor, doch mal den Zug zu nehmen. Da hatte die Tochter keine Lust drauf, und maulte und käme dann eben nicht mit. Verzweiflung. Was nun? Die Stuttgart-Tochter hätte dann wohl gesagt, wenn sie nur hinkommt, wenn sie bequem im Auto fahren kann, dann wird es ihr wohl nicht so wichtig sein sie zu sehen. Enttäuschung. Klarwerden von Tatsachen. Ich verstehe, das sind die Dinge, die ich aus ihrer wirren, gesächselten Erzählung heraus interpretiere. Ich kann die Frau verstehen, fühle ihren Tag nach, so als sei jeder Meter, den man zurücklegt, schon nicht von Freude geprägt, sondern immer noch mit dem schlechten Gefühl von Unfrieden, vielleicht dem schlechten Gewissen („Hätte ich doch mit dem Auto fahren sollen, dann wäre Tochter x mitgekommen?“). Widerwillen. Eigentlich fast klar, dass die Zugfahrt nicht reibungslos und schön werden kann. Es passt zu ihr, dass sie diese Fortsetzung erlebt. Und es passt zu mir, dass ich neben ihr sitze und ihre Geschichte erlebe. Die Schaffnerin kommt. Das wird klappen, denke ich mir. Eine junge Frau, etwas dicklich gemütlich, stets lächelnd und scheinbar noch nicht so lange in ihrem Job. Sie steht neben uns und meine aufgeregte Gang Nebennachbarin zeigt ihr das Wochenendticket. Kurz tut sie als sei alles in Ordnung damit und dann beginnt sie aber ihre Geschichte, genau so wirr und aufgeregt zu erzählen, wie sie es bei mir getan hat. Inklusive dem schlimmen Tag. Nur die Töchter ließ sie aus. Natürlich schickt die Schaffnerin sie nicht aus dem Zug. Sie lässt sie auch nicht nachzahlen. Stattdessen lacht sie und kann kaum was sagen, denn die verzweifelte Frau lässt ja niemanden zu Wort kommen. Sie bedankt sich dramatisch und die Schaffnerin geht vergnügt zum nächsten Sitzpaar. Die Zwickauer Krankenschwester kramt ihre Tasche raus und holt eine Tüte raus. Ich schaue meine Sitznachbarin am Fensterplatz an. Schon vorher haben wir uns einen belustigten Blick zu geworfen, worauf diese sagte: „Die ist verrückt“! Nein, das finde ich nicht. Ich finde sie rührend. Darum verstehe ich auch, was die Frau gerade aus ihrer Tasche holt. „Jetzt gibt’s sicher Kekse,“ sage ich zu meiner Nachbarin. Und prompt ruft die Zwickauerin die Schaffnerin zurück und schenkt ihr eine Packung Butterkekse. Ob sie auch noch eine Tüte dazu wolle? „Nein, danke, das geht so,“ lacht die Schaffnerin, und scheint sich echt zu freuen. Kurz ist Ruhe, dann dreht sich der Junge vom Sitz vor uns um und sagt zu der Zwickauerin. „Ich fahre heute zum ersten Mal alleine so eine Weite Strecke.“ „Wie alt bist du denn?“ fragt die Zwickauerin, und ihre Stimme ist jetzt ganz fest, und ich traue ihr zu, dass sie eine gute Mutter, und eine prima Krankenschwester ist. „Vierzehn“, sagt der Junge stolz. „Toll, das schaffst du, das weiß ich!“ Ich sehe sie in ihrem Krankenhaus, wie sie die Patienten versorgt, mit ihnen leidet und sich mit ihnen freut. Leidenschaft und Emotionen, Mitfühlen das kann sie. Sie traut sich was, sie ist nicht in einer isolierten Welt wie so viele von uns. Sie geht raus aus ihrer kleinen Welt und hat noch nicht verstanden, dass man sich hier nicht anspricht. Dass man hier Fremden nicht erzählt von den Familienstreitigkeiten. Man macht sich lächerlich, wenn man das tut. Man wird für verrückt erklärt. Und ich frage mich, wer das schönere Leben hat, sie oder wir "modernen Menschen"...?

Zwischen Bitterfeld und Jena Paradies war ich glücklich, Teil 2

Ich fuhr die Strecke gestern noch ein zweites Mal, und da dachte ich mir: Ich muss damals schon sehr glücklich gewesen sein, denn rund um Halle, und fast bis Jena war es nur mit Mühe eine schöne Landschaft. In Bitterfeld stieg ein junger Kerl ein. Dunkel angezogen, mit schwerem Reise-Rucksack. Er ließ sich auf meinen Nachbarsitz sinken. Irgendwann hörte ich ihn telefonieren. Er war vielleicht Mitte zwanzig, machte ein Kreuzworträtsel und sagte zu dem Telefon: „Kennst du einen Apostel, der auf s endet? Pause. „Nee, Matthäus ist zu lang“. Dann erzählt er, dass er heute Morgen in zwei Bäckereien war, und keiner hatte mehr Semmeln, nur Kuchen. „Nüü, Kuchen wollte ich nicht.“ Er fragt weiter seinen Telefonjoker, ob er ihm noch paar Leerstellen im Rätsel füllen kann. Und all das in schönstem Sächsisch. Sehr schön. Ich fühl mich fast wie im Theater. Das Theater geht weiter. Sechs junge Japanerinnen kommen in den Zug, drehen wieder rum, rennen aufs Gleis, den Zug entlang, und springen am anderen Ende des Wagens wieder rein. Ich muss an diese Werbung für Tütensuppe war das glaube ich, denken, als so eine Gruppe von Männchen, irgendwie schnatternd und gestikulierend, in eine Richtung lief, so ein Dinosauriertier hinter ihnen her, plötzlich, an einem Abgrund umkehrte und wild schnatternd zurücklief, Dinosauriertier, trotz Umkehrens immer noch im Rücken . Ein Paar steigt ein. Gestresst wohl von Platz suchen und Taschen reinschleppen. Sie mögen um die Fünfzig sein. Draußen steht ein weiteres Paar, um die Siebzig. Sie winken, vor allem der Mann auf dem Bahnsteig. Er schaut die ganze Zeit in den Zug, während das Paar damit beschäftigt ist, die Taschen irgendwo zu verstauen. Der Mann draußen lässt langsam nach. Sein Lächeln und fröhliches Gesicht sinkt langsam ein. Die Frau dazu friert. Sie scheint nur zu hoffen, dass der Zug bald fährt, damit sie heim, ins Warme gehen kann. Das Paar schaut immer noch nicht. Der Zug fährt an. Endlich erinnert sich die jüngere Frau, dass da noch jemand draußen steht. „Ich muss mal winken.“ Und sie winkt. Sehr fröhlich sogar. Und er, den ich nun als Vater identifiziere blüht wieder auf. Er tut sogar so, als laufe er jetzt neben dem anfahrenden Zug her. Gott sei Dank, ich hatte schon überlegt, ob ich ihm winken soll. Sein ins Leere winken hat mich so traurig gemacht.

Zwischen Bitterfeld und Jena Paradies war ich glücklich, Teil 1

Die Rolltreppe zum Untergeschoß in den Berliner Hauptbahnhof. „München“ steht auf den Anzeigetafeln des Zuges, der meiner ist. Erst jetzt verstehe ich, dass ich eine Strecke vor mir habe, die ich noch nie gefahren bin. Nicht nur das, ich fahre durch ein Gebiet auf der Landkarte, was mir vollkommen unbekannt ist. Osten noch dazu. Ich war mal im Osten, da gab es die Grenze noch. Hat mich schwer beeindruckt. In einem Land vor unserer Zeit. Alles so schön stehen geblieben. Darf ich das sagen, ohne dass sich jemand ärgert? Ich mag das Alte. Für mich geht die Welt viel zu schnell durch ihre Zeit. Sie reist alles an, Neues verliert zu schnell unsere Begeisterung. Traditionen gibt es nicht mehr. Moden haben eine immer kürzere Haltbarkeit. Ich will aus dem Zug springen, der durchs Leben fährt und Stopp rufen, will noch nicht weiter fahren. Ich will da auch gar nicht hin, wo die anderen scheinbar hinwollen. Ich will wieder zu den Mädels vom Immenhof, zu Peter Alexander, der mit seiner Gitarre auf dem Dorfplatz die Fräuleins im bauschigen Rock betört. Verzweifelt suche ich die kleinen Läden und traurig sehe ich, dass die Orte immer gleicher werden. Es scheint nur noch acht Geschäfte zu geben, und die gibt es an jedem Stadtrand, und auch in jeder Fußgängerzone. Aber das klingt ja unglücklich, ich war doch eigentlich glücklich ab Bitterfeld. Sagen wir, das waren die Gedanken vor Bitterfeld. Bitterfeld, davon habe ich schon gehört. Ich kann nicht sagen, dass es Reiseempfehlungen waren. Eher wurde da von Industrie und schlechter Luft gesprochen. Die Luft konnte ich durch mein Zugfenster nicht riechen, aber die Industrie sah ich ganz deutlich. Aber die Sonne schien, und Puderzuckerschnee beschönigte die Rohre und Kamine. Außerdem wurde ich ja gerade glücklich, da macht auch so ein bisschen Industrie nichts aus. Warum glücklich? Weil ich mich frei fühlte und abenteuerlich. Und vor allem weil es so schön war da draußen. Immer wenn ich sehe wie schön die Welt ist, vor allem die deutsche, macht mich das glücklich. Es sei denn, ich habe gerade guten Grund, nicht glücklich zu sein. Der Zug fuhr weiter, und es wurde immer schöner. Halle, aha, so sieht Halle aus. Die meisten im Zug stiegen aus. Da verpassten sie aber was, denn jetzt wurde es erst richtig idyllisch. Weinberge und jeder Weinberg hatte sein Steinhäuschen. Und am Fuße des Hangs ein Fluss. Halle an der Saale. Klar, Saale-Unstrut!

Alte Schule

Ich stehe an diesem grauen, langweiligen Bahnhof, ein alter deutscher unrenovierter Bahnhof in Schwaben. Es ist kühl. Wetter grau. Mein Nahverkehrszug nach Stuttgart fährt ein. Es ist noch so einer, bei dem man die Türen nicht per Knopfdruck sondern mit einem Hebel abwärts drehend öffnen muss. Aber in dem Fall muss ich das nicht tun, denn der Schaffner steigt geradewegs vor mir aus und kommt aus dem Zug. Er schaut rechts und links, Pfeife im Mund, nimmt meinen Koffer, sagt kein Wort, und bringt ihn in den Zug. Flink und wie selbstverständlich seine Bewegungen. Ich folge meinem Koffer und suche mir einen Platz. Kurz darauf kommt mein hilfsbereiter Schaffner um die Fahrkarten zu kontrollieren. Meine ist ein DIN A4 Blatt, dass ich drei mal zusammen gefaltet habe. Aufgefaltet reiche ich es ihm, er knipst, und faltet es sorgfältig an den Falzkanten wieder zusammen bevor er es mir zurück gibt. Er macht das einfach so, wortlos, wie vorhin, als er meinen Koffer trug, ohne dabei ein Lob oder einen Kommentar ernten zu wollen. Es scheint ihm selbstverständlich dazu zu gehören. Service. Alte Schule.

Sonntag, 5. Juni 2011

Gedanken-Eintopf zum Weltverbessern und lange gewittrige Nächte überstehen

Irgendwie hab ich was zu sagen. Oder vielmehr ist mir nach Schreiben. Das ist ja hier wie so eine Art Tagebuch, und da wandern eben so meine Befindlichkeiten rein. Eigentlich sind es zwei Dinge, die gerade vorrangig in meinem Kopf sind.
Erstens denke ich, wieder mal, über das Leben nach. Es ist schönstes Vorsommerwetter, heute Nacht hat es gewittert, heute morgen ist die Welt frisch geputzt, duftig und einladend. Ich habe Schönes vor heute. Sonntag. Ich habe frei. Gestern war ich arbeiten, und das fiel bei heißem Wetter nicht leicht. Ich arbeitete gestern im Altersheim. Ich mache das noch nicht lange, und höre auch bald wieder damit auf. Das habe ich beschlossen, weil ich einfach dieses ungute Gefühl, vor und während der Arbeit nicht loswerde. Vor der Arbeit denke ich, ach, ich will am liebsten nicht hin, ich könnte so schöne andere Dinge machen. Sieben Stunden muss ich da jetzt verbringen, ich freue mich, wenn dann endlich Feierabend ist. Und ich spüre dieses ungute, kalte Gefühl im Bauch. Während der Arbeit denke ich, hoffentlich passiert jetzt nicht was Ungeahntes, hoffentlich läuft alles glatt und macht mir nicht mehr Stress als ich mir eh schon mache. Wichtig sind die Kollegen. Ich arbeite mit... also bin ich... Meistens sind es nicht die, die mir ein gutes Gefühl geben. Davon gibt es leider auch nur wenige.
Diese Gefühle, die das Leben nicht schöner machen, habe ich mir neun Monate lang angeschaut. Nun mag ich nicht mehr. Ich höre dort auf. Sobald ich es ausgesprochen hatte, vielen einige Kilos von mir ab.
Gestern dann wieder dort, einen Monat muss ich ja noch, war mir leichter ums Herz. All das was ich jetzt mache, mache ich zum vorletztvorletztvorletzten Mal. Ich hörte wieder meine Kolleginnen. Ich hörte ihnen diesmal aufmerksamer zu, denn ich war freier im Kopf. Oder sagen wir so, gestern rauschte es an mir vorbei, wo es mich vorher negativ beeinflusste. Da wurde geschimpft über den Stress, den Mangel an Kollegen und die nervenden Bewohner. Ein Satz hat so richtig geschnitten. Es ging um Ausgehen abends. Eine Kollegin überlegte abends in eine Disco zu gehen. Eine andere sagte: „Doch, mach das! Geh raus! Das braucht man um runterzukommen, und den ganzen Sick hier zu vergessen.“ Dieses Wort „Sick“ schleuderte soviel Abscheu hinaus, dass ich mich fast erschreckte. Wie kann man seinen Job nur so hassen? Oder eher: Wie kann man eine Arbeit jahrelang verrichten, die man so widerwillig macht. Sie redeten über Szenen, die im Frühdienst passiert sind. Ein Bewohner, der sie beschuldigte, ein Hemd geklaut zu haben, eine andere, die in einer Nacht regelmäßig acht Unterhosen bescheißt (plötzlich hieß es nicht mehr professionell: eingekotet), ein anderer, der behauptet, nichts zum Frühstück bekommen zu haben.
Ja, die alten Menschen können wirklich sehr herausfordernd sein. Immer nett zu sein geht nicht. Man ist auch nur Mensch, und wenn man noch so caritativ sein will.
Dennoch bleibt bei mir das Wundern und auch ein Stück Entsetzen darüber, wie unwillig hier Arbeit verrichtet wird. Wundern vor allem darüber, dass man trotz allem dabei bleibt. Ok, ständig werden sie krank, bleiben mehrere Tage zuhause, und jeder versteht es, denn kaputt sind sie alle.
Und ich frage mich: Warum lebt man ein Leben, wo man so viel Zeit verbringt, die einen anscheinend so fertig macht? Mir ist das Leben zu kostbar dafür. Ja, man mag mich Schlendrian, Rosinenrauspicker nennen. „Das Leben ist kein Ponyhof.“ Warum eigentlich nicht? Ja, klar, irgendwer muss „die Drecksarbeit“ machen. Ja, aber dann wollte ich dafür sorgen, dass die Drecksarbeit gefühlt wenigstens nicht dreckig bleibt. Wenn ich nur solche frustrierten, mir meine Energie fressenden Wesen um mich habe, dann ist mir in der Tat meine Arbeit sehr dreckig.
Es gehen die Meinungen rum, in Altersheimen würden die alten Menschen vor sich hinvegetieren, schlecht gepflegt, bis hin zu aggressiv behandelt werden. Ich sage weder stimmt, noch stimmt nicht. Eigentlich sind alle bemüht. Aber wenn sie sich in ihrem Pessimismus und ihrem Frust so gegenseitig runterziehen, dann kommt es in der Tat zu Worten, die ich bereits als Aggression empfinde, und sogar Handgriffe werden nicht so ausgeübt, dass ich Einfühlungsvermögen erahnen kann.
Also entweder Leute, geht weg, macht was, was euch heiter macht, nicht verdunkelt, oder bringt Licht hinein! Ein positives Wort, ein Lächeln, eine Umarmung vielleicht mit der Kollegin, die gerade müde ist. Sie auffangen, statt mit ihr zu fallen.
Ich habe das nicht geschafft. Es aber auch nicht der richtige Ort für mich, nicht die richtige Betätigung, um zu versuchen, die Welt dort zu retten.

Jedenfalls bleibt mir das Wundern im Kopf über die Akzeptanz eines Zustands, der einen unglücklich macht!

Ach ja, mir war ja zu Anfang noch etwas anderes im Kopf. Das hat aber damit gar nichts zu tun, sondern eher mit einer Frage nach, wie viel und überhaupt Beziehung, braucht der Mensch? Glücklicher, aufgeregter, freier Single, oder zufriedener, ruhender, geborgener Paarmensch?
Ich stelle mir diese Frage, weil ich mich heute Nacht, in einer Schlaflosen, mit leichten krank-im-Bauch-Gefühlen und diesem gruseligen Gewitter recht einsam fühlte, und mein Single-Leben wohl, zumindest bis nach dem einsamen Sonntagsmorgen-Frühstück in Frage stellte.

Naja, einfach so ein Gedanken-Eintopf.
Tat gut.

Mittwoch, 18. Mai 2011

"Sind sie ansprechbar?"- Fortsetzung

„Sind Sie ansprechbar“, hieß einmal einer meiner Einträge hier. Daraufhin kam gestern ein schöner, langer Kommentar. Und prompt passiert mir gestern abend etwas, das wunderbar dazu passt. Hat das was mit den Energien und Aufmerksamkeiten zu tun...?

Ich stehe am Bahnsteig und warte auf meinen Zug. Es ist abends um halb elf, wochentags. Ich bin nicht alleine. Eine Freundin von mir hat mich begleitet und wartet mit mir. Wir reden, vielleicht etwas lauter, vielleicht lachen wir auch etwas, vielleicht macht ihr das Mut, vielleicht, sind wir ihr auch einfach sympathisch. „Darf ich Sie mal ansprechen?“ fragt uns eine junge Frau. Sie mag Anfang Zwanzig sein, eine moderne Türkin. „Klar“, sage ich. Sie lacht kurz, wiederholt mein „Klar,“ sagt, „ wir sind ja in Köln.“ Und wird dann ernster: „Seid ihr schon mal betrogen worden?“ Meine Freundin und ich gucken vermutlich zwei Sekunden lang etwas dümmlich überrascht, weil man so eine Frage normalerweise nicht von einer fremden Frau am Bahnsteig gestellt bekommt, aber dann sind wir auch schon zum Antworten bereit. „Nein,“ sagt meine Freundin. „Nein,“ sage ich, „zumindest nicht, dass ich wüsste.“ Wieder lachen wir ein wenig, und dann erzählt uns die Frau - das Mädchen passt besser? Nein, irgendwas dazwischen- dass sie heute erfahren hat, dass ihr Freund, mit dem sie zwei Jahre lang zusammen war, sie ein halbes Jahr lang betrogen hat. Wir stellen Fragen, sie antwortet, sie erzählt, dass sie nachdem sie ihn zur Rede gestellt hat, die Wut kam, ihn vor seinen Freunden Schlappschwanz genannt hat, ihm am Telefon was vorgestöhnt hat, um dann zu sagen: „Na, erkennst du das? Sie waren alle vorgetäuscht meine Orgasmen.“
Jetzt gleich, also um zwölf sei ihr Geburtstag. Im Moment läuft alles schief. „Meistens führen solche schlechten Zeiten dazu, dass sich etwas sehr positiv verändert,“ versuche ich sie zu trösten. Aber Trost braucht sie eigentlich nicht. Sie wirkt nicht niedergeschlagen, aufgeregt ist sie, erregt. So erregt, dass sie einfach zwei fremde Frauen am Bahnsteig Hansaring (dem hässlichsten und kältesten) anspricht und aus ihrem Leben erzählt.
Ihre Bahn kommt. Sie ist schnell weg, halb lachend, halb leidend sagt sie: „Danke, dass ihr mir zugehört habt.“ „Alles Gute!“ sagen meine Freundin und ich gleichzeitig.

In dieser kleinen Erfahrung steckt viel drin. Als Fortsetzung zu „Sind sie ansprechbar?“ natürlich die Verwunderung darüber, wie verschlossen wir Menschen eigentlich sind. Wir befinden uns ständig auf engstem Raum miteinander, zum Beispiel in der Bahn, im Wartezimmer, im Supermarkt, und reden kein einziges Wort miteinander. Meistens schauen wir uns nicht mal an. Auf dem Land ist das anders. Da, wo es nur wenige Menschen gibt, da grüsst man sich, wenn man sich auf der Strasse trifft. Nicht weil man sich kennt, sondern weil Mensch auf Mensch trifft. Klar, wäre es viel zu anstrengend, wenn man zu jedem Vorübergehenden „Guten Tag“ sagen würde. Aber ein kleines bisschen mehr Offenheit wäre doch nur selbstverständlich.
Mir gefällt das Bild, dass der Kommentator von „Sind Sie ansprechbar?“ genutzt hat: Wir Menschen scheinen eine Käseglocke über uns zu tragen. Menschen als Schatten, denen wir keine Realität verleihen können.
Es braucht ja nicht viel. Wir brauchen nur einen kleinen Anstupser und schon werden wir wach. Schon hebt sich die Käseglocke und der Mensch, der eben noch Schatten war, wird zu meiner Realität.

Ich wünsche der Türkin ein schnelles und gutes Überstehen ihrer Krise. Bin aber zuversichtlich, dass sie das flott hinter sich bringt. Geteiltes Leid ist schließlich halbes Leid. Und teilen kann sie ja....

Sonntag, 16. Januar 2011

Ich will doch nur spielen

„Der will doch nur spielen,“ heißt es, wenn der Hund angelaufen kommt.
Ich will auch spielen. Ist mir heute noch mal so richtig bewusst geworden. Und zwar war das so: Ich traf einen Freund zum Kaffee trinken. Dieser Freund nimmt an so ziemlich allem teil, woran der Mensch mit Tendenz zur Bemangelung seiner Selbstfindung teilnehmen kann. Er nimmt das nicht sehr ernst, sondern macht sich erfrischend lustig über sich und seine Aktionen. („Sag mal, wie kommst du eigentlich immer auf all diese Sachen?“ „Brauchst nur Schauen unter www-punkt-wie-finde-ich-mich-selbst-punkt-de ;)“ ). Seine Familie hat er schon mehrfach aufgestellt, in Form von Stühlen, Kissen oder gar lebenden Menschen. Er macht regelmäßig Improvisationstheater und irgendein Körpertraining, dessen Namen ich vergessen habe. Auf jeden Fall ist viel bewusstes Atmen dabei. Er fährt regelmäßig zu Wochenenden ins Kloster, und wird manchmal von seinem Therapeuten in die Fußgängerzone geschickt, wo er laut aus der Zeitung vorlesen soll, oder ins Café, um sich zu einer Person an den Tisch setzen, und sodann in einem Pornoheft zu blättern. Stärkung des Selbst. Nun erzählte er mir, mache er auch noch Kurs „Improvisierten Tanz mit Partner“ und eine Art Wellentanz, wo man mit den Ellenbogen Kontakt zu anderen Teilnehmern aufnehmen soll. „Wave“ nennt sich das. Gott sei Dank sagt er dazu, dass er manchmal mit seinem Mitbewohner in der Küche steht, diesen Tanz übertrieben darstellt, und sich in lustigen Sprüchen und Bewegungen über „Wave“ lustig macht.
Es hätte da eine Frau gegeben beim improvisierten Paartanz, die war sehr attraktiv und wirkte selbstbewusst, aber dann beim Tanzen stellte sich heraus, dass sie doch irgendwie verkrampft sei, und nicht aus sich raus käme. Ich dachte gleich, das hätte wohl auch ich sein können. Erst viel labern, um schon mal nen guten Stand in der Gruppe zu haben, aber wenn es dann ans Eingemachte geht, dann werde ich plötzlich ganz klein.
Und dann fragte ich mich, WARUM eigentlich? Bin ich denn, und wohl auch die andere, tatsächlich so schüchtern und verklemmt? Haben wir ein Problem mit unserem Körper? Mit unseren Gefühlen? Und ich frage mich, sind Leute wie sie und ich, einfach nur nicht am richtigen Ort? Man belegt aus Neugier, und damit man was vorzuweisen hat in seiner gesellschaftlichen Aktivitätenliste, mal so einen Kurs, aber wenn man dann da ist, merkt man, „Hey, ich habe jetzt wirklich überhaupt keine Lust mich wie ein Getreidehalm im Wind zu beugen. Ich habe vor allem deshalb keine Lust drauf, weil mich dabei alle irgendwie angucken, und ein Urteil über mich fällen. Und ich selber tue das auch. Da ist doch von Anfang an schon Druck da. Das ist alles irgendwie unnatürlich!“
Ich denke an meine alten Hobbys. Als Kind war ich in einer Karnevals- Tanzgruppe, und habe jedes Mal den Mittwoch herbeigesehnt, wenn wir Training hatten. DAS hat SPASS gemacht! Da fühlte ich mich nicht auf meine Persönlichkeit gestoßen, wenn mein Bein nicht so hoch flog wie das der Nachbarin.
Ich war auch in einer Gymnastik Gruppe. Da machten wir ebendiese und manchmal wurde das grosse Trampolin rausgeholt, was ein Riesen-Spass war. Oder wir spielten um uns „aufzuwärmen“ Fangen oder Plumpssack. Ich war am Ende k.o. und glücklich, und fühlte mich nicht verklemmt.
Neulich habe ich einmal mit Kindern verstecken gespielt. Ich habe wenig mit Kindern zu tun, und verstecken spielen habe ich das letzte mal vor ca. 23 Jahren gemacht. Ich habe mich in der Dusche versteckt. Die Badezimmertür ging langsam auf, die Suchende kam herein, mein Herz schlug wie wild. Ich wollte schreien vor Spannung. Sie fand mich. Ich schrie. Ach, was eine Aufregung! Und die kam ganz natürlich aus mir raus. Da sagte keiner vorher zu mir: „Jetzt klopfen wir mal mit dem Stock auf das Kissen und schreien laut NEIN!“
Ich finde es gut, dass ich nicht (mehr) zu derartigen Veranstaltungen gehe, nach denen ich mir hinterher Vorwürfe mache, weil ich mich für verklemmt halte.
Aber ich finde es nicht gut, dass ich nicht mehr spiele. Oder sagen wir, viel zu selten. Neulich machte ich für meinen Freund alberne Tänzchen im Wohnzimmer. Er lachte sich schlapp. Ich war außer Puste und sehr vergnügt.
Als Kind hatte man Spielsachen. Was haben wir Erwachsene für Spielsachen? Das Auto, sagt man so. Aber das ist kein Spielchen, was einen ausgelassen Lachen macht. Radfahren ist nur noch Fortbewegung oder Sport. Inlinen das könnte man mal wieder machen. Aber dann will ich nicht dran denken, wie gut das jetzt für meine Oberschenkel ist.
Als Kind fand ich es ganz schlimm, wenn ich meine Eltern in die Kneipe begleiten musste. Oder irgendwo dabei sitzen und die Unterhaltungen der Erwachsenen anhören. Das war ein Höchstmass an Langeweile. Heute sitzt man ständig irgendwo rum und unterhält sich. Was ja auch oft schön ist, aber manchmal wünschte ich mir, einfach mal aufzustehen und ne Runde Fangen zu spielen. Zum Wachwerden und zur allgemeinen Erheiterung und aus viel zu lange unterdrücktem Bewegungsdrang.
Als ich nach diesem Kaffeetrinken mit Selbstfindungs-Freund lange Spazieren ging, erinnerte ich mich daran, wie ich mir früher immer mein Traumhaus eingerichtet habe: Es sollte darin verschiedene Ebenen geben, mit vielen Kissen, die überall rumliegen, dann Schaukeln, von denen man sich in die Kissen fallen lassen kann und Trapeze, von denen man sich einfach hängen lassen kann, breite Treppengeländer, auf denen man rutschen kann. Ein Trampolin wäre top gewesen. Und Wände, die man bemalen kann.
Warum habe ich keine Schaukel in der Wohnung? Warum male ich nicht mehr? Warum langweile ich mich oft? Warum gehe ich nicht mehr zum Karneval?
Es ist nicht leicht, sich das Kindliche zu bewahren. Aber scheinbar sehnen wir uns alle nach dieser kindlichen Freude und nach Spielen. Warum gäbe es sonst all diese Kurse? Das soll wohl Spielen für Erwachsene sein. Geht ja auch, aber meiner Meinung nach nicht so. Beim Spazierengehen sah ich Männer auf der Wiese Fußball spielen. Perfekt! Ich habe auch schon mal ein Grüppchen junger Menschen Akrobatik auf der Wiese machen sehen. Und manche spannen ein Gummiband zwischen zwei Bäume und balancieren. Toll!
Hey, da fällt mir ein, ich habe neulich mit meinem Freund Fangen gespielt. Geht doch. Manchmal. Ich google mal ob es nicht ne nette Tanzgruppe in meiner Nähe gibt.
Ich will doch nur spielen.

Freitag, 31. Dezember 2010

Schnee und Liebe

Es muss schon etwas Besonderes passieren, wenn ich mal wieder meinen Blog fülle. Das Besondere, was mir passiert, passiert heute der ganzen Menschheit (zumindest dem Teil, der in unserer Zeitrechnung lebt): Silvester. Das alte Jahr wird zum neuen Jahr. Der alte Mensch, der in der letzten Zeit abwartend und möglicherweise lethargisch geworden ist, wird zum neuen Menschen mit neuen Zielen und Ideen im Blut.
Zu diesem Phänomen habe ich beim letzten Jahreswechsel bereits etwas geschrieben. Es soll nicht langweilig werden, darum verkneife ich mir dieses Mal nachdenkliche, möchtegern-schlaue Sätze zu diesem Event.
Ich habe auch letztes Jahr von meinem Weihnachten berichtet. Das möchte ich dieses Jahr wiederholen, denn das wird keine Wiederholung, sondern, wetterbedingt, eine ganz andere Geschichte.
Es war einmal Der Heilige Abend im Jahre 2010. Eigentlich fängt die Geschichte am Heiligen Abend Morgen an. Als ich aus dem Fenster schaue und in meinem Bauch Panikbienen wild schwirren. Schnee. Und zwar mehr als gestern. Mehr als vorgestern. Mehr denn je. Vor meinem Fenster ein Wintersportort. Sehr schön sieht das aus, und ich finde es schade, dass ich nicht, wie es eigentlich natürlich wäre, bei dieser herrlichen Landschaftsveränderung, kindliche Glücksgefühle verspüre. Das mag daran liegen, dass ich als Kind auf den Rücksitz krabbeln konnte mit dem guten Gefühl „Papa macht das schon“. Heute muss ich hinter dem Steuer sitzen und „es schon machen.“ Ich mache es aber nicht. Ich komme nicht weg aus meiner eingeschneiten Parklücke. Und ich will auch nicht weg. Ich will nicht raus aus meiner Schneehöhle und das Auto auf die gruseligen Strassen bewegen. Der Plan ist nach Hause zur Familie zu fahren. Die sind 40 Kilometer von meiner Schneehöhle entfernt. Dazwischen liegen endlos weite Landstrassen, die vermutlich kaum noch als solche zu erkennen sind, weil der Schnee alles in eine große, weiße Fläche verwandelt hat. Dazwischen liegen Gefahren von im Graben landen, im Schnee stecken bleiben, Auto kaputt bis hin zum Erfieren. Und das an Heilig Abend? Nein. Das schaffe ich nicht. Ein Kind kommt, ein Erwachsener geht. Die Rechnung geht auf, aber nicht mit mir. Ich werde sehr traurig, aber mein Entschluss steht fest. Angstbedingt bleibe ich zuhause. Ich rufe meine Eltern zum x-ten Mal an, und teile ihnen meine endgültige Entscheidung mit. Wir legen niedergeschlagen auf. Ich weine sehr viel an diesem Tag. Weihnachten alleine. Das Fest der Liebe abgeschnitten von den Menschen, die man liebt. Ich überlege mir, wie ich den Tag also rumbringen kann. Ich denke an Glühwein, den ich noch im Schrank habe, und studiere das Fernsehprogramm. Ich versuche mich zu trösten, indem ich mir einrede: „Hey, es ist ein Tag wie jeder andere. Ich ignoriere einfach, was die restliche Welt da draußen heute macht. Die Welt, die mutiger war als ich...“
Ich telefoniere mit meinem Freund. Er macht gerade seine Weihnachtseinkäufe. Wie kann das sein? Wie können Menschen sich so normal in der Welt bewegen, die doch heute, zumindest mir, so verschlossen erscheint? Wie kann man irgendwohin gelangen, was außerhalb der Zu-Fuss-Geh-Weite liegt??
Ich kann kaum reden, kann nur mein Schicksal beweinen. Fühle mich so einsam. Mein lieber Freund schimpft mit mir, warum ich denn nicht schon eher angerufen habe. „Ich komme dich abholen. Ich fahre dich zu deinen Eltern.“ Mein Freund befindet sich gerade ca. 30 Kilometer von meinem Wohnort. Er hat Sommerreifen. Ich will gerade „Nein, nein, das ist doch verrückt!“ sagen, da klingelt das Festnetztelefon. Meine Mutter: „Schatz, nimm dir ein Taxi und komm damit her. Wir zahlen es dir.“
Nun muss ich noch mehr weinen. Das ist das echte Fest der Liebe. Entgegen der Vernunft handeln. Die Hauptsache sind die Menschen und ihr Glück. Ihr Zusammensein und ihre Liebe. Ich werde geliebt.
„Du wirst geliebt“ ist übrigens genau die Definition, die ich letztes Silvester beim Bleigießen aus meiner Figur gelesen habe...

Ich wünsche allen Liebe. Denn das ist das Wichtigste im Leben. Und zwar nicht nur geliebt werden, sondern vor allem Liebe geben. Ein wunderschöner, wohliger Kreislauf gegen den Schnee und weitere Katastrophen keine Chance hat.

Freitag, 27. August 2010

Geteilte Freude

Ich habe mich gefreut! Da hat jemand sofort meinen neuen Text über das kölsche Grundgesetzt entdeckt. Wenn das jemand sofort bemerkt, dann kann das nur bedeuten, dass dieser Jemand oft, wohlmöglich täglich, auf meine blog-Seite schaut. Und ich bekomme das gar nicht mit. Denke, mein blog ist am Verwaisen. Und das Schönste, dieser Jemand ist mein Freund. Ach so, denken jetzt die, die möglicherweise meine Worte hier lesen, ist doch klar, dass dein Freund sich dafür interessiert. Nein, ist gar nicht so klar. Leider, leider, sind Menschen, obwohl sie in Partnerschaft sind, ganz schön allein. Interesse am anderen ist doch so wichtig. Und wenn es Liebe ist, wohl auch ganz selbstverständlich.
Leben teilen...
Ich möchte hier einmal rausbrüllen, wie dankbar ich dafür bin, einen Menschen an meiner Seite zu haben, mit dem ich mich teilen kann. Ich bin nicht mehr nur ich alleine, ich teile mich und meine Sorgen, meine Freuden, meine Fragen, meine Witzchen, mit einem Menschen, der mir zuhört, mir Antworten gibt, über mich lacht, und mich zum Lachen bringt.

Danke!

Donnerstag, 26. August 2010

Dat kölsche Grundgesetz

Es ist noch nicht Weihnachten, und ich habe es schon geschafft, das Dokument aufzumachen, und den Willen geformt, etwas zu schreiben.
„Ich freue mich schon darauf, wenn du über das Kölsche Grundgesetz schreibst,“ hörte ich neulich. Huch, wollte ich das?!?
Ja, ich erinnere mich, dass wir über das Kölsche Grundgesetz sprachen, und dabei feststellten, dass das eine tolle Sache ist.
Ich kann mir vorstellen, dass es Menschen gibt, die halten das Kölsche Grundgesetz für eine typisch kölsche Witzparade. Lockere Sprüche aus dem frechen Mundwerk des optimistischen, lustigen Rheinländers gesprochen. Thekensprüche, die nichts weiter bedeuten, als „Loss mich in Ruh“, oder gar ein Lückenfüller sein können, wenn man nichts anderes zu sagen weiss.
Erzählt mir jemand seine Sorgen, und ich gebe ihm darauf ein „Et kütt wie et kütt“ zurück, dann könnte man darin ein uninteressiertes, wenig einfühlsames Verhalten sehen.
Wobei sich eigentlich etwas ziemlich Esoterisches dahinter verbirgt. Es riecht nach Schicksal, nach einem vorbestimmten Weg, auf den wir keinen Einfluss haben, und darauf Vertrauen ins Leben zu haben. Aber da Esoterik nervt, aber dennoch nicht nur Blödsinn ist, weiss das kölsche Grundgesetz die helfende Kernaussage in herrlich unanstrengendem, fröhlichen Ton ans Ohr des sorgenvollen Menschen zu bringen.
Mir ist besonders hilfreich der Satz „Jeder Jeck es anders.“ Mein Freund schloss an. „und du kannst die Menschen nicht ändern.“ Lass einfach locker! Dann fällt es viel leichter, Menschen, die einem das Leben verdunkeln, einfach sein zu lassen. Ich muss niemanden so zurechtbiegen, wie ich mich dann mit ihm oder ihr wohl fühle. Ich muss kein tolles, harmonisches Verhältnis anstreben, wenn es einfach nicht geht. Der Mensch ist anders, also lass ihn. Toll, das ist eine ganz neue Freiheit!
Ganz besonders gerne mag ich auch „Mäht nix!“ Simpel ausgedrückter Optimismus. Zug hat Verspätung, Regen, Butterbrot fällt auf die Butterseite. Macht doch nichts. Nicht viele Worte, einfach „Mäht nix!“ spüren.
Das letzte der Kölschen Grundgesetze heisst „Drink doch ene met.“
Dieses "Gesetz" könnte ich auch mal mitnehmen, wenn ich gleich auf die Strasse gehe. So wie alle anderen auch...

Freitag, 13. August 2010

Mein Sommerloch

Ist still geworden hier, nicht? Hat mich jemand vermisst? Wollte jemand gerne etwas über Hundekot, Arschbomben und dergleichen erfahren?
Wenn jemand lange nicht in seinem Blog schreibt, wenn man lange Zeit nichts von jemandem liest, der behauptet schreiben würde ihm Spass machen, denn so ein Blog ist ja schliesslich eine freiwillige Sache, dann denkt man erstmal, es geht dem Schreiber nicht gut.
Das kenne ich selber von mir und einer Freundin, auf deren Blog ich regelmässig klicke, und mir zunehmend Sorgen mache, wenn seit Monaten die selbe Überschrift ganz oben steht. Depression, kein Lebenseifer, Leere inside, keine Zeit für Muße, ... Ich komme nur auf schlechte Gedanken bezüglich ihres schriftlichen Schweigens.
Denkt das auch jemand von mir?
Mir geht es gut. Sehr gut. Es ist sehr viel passiert in den letzten Monaten. Das fand mehr im Leben, denn im Schreiben statt. Dennoch ist es irgendwie unfair, das alles für mich zu behalten. Ich hätte die Welt (die, die mich liest), hin und wieder über schöne Dinge informieren können.
Zum Beispiel über den Sommer und die schönen Nebenwirkungen, die er mit sich bringt. Ich hätte erzählen können, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben so braun geworden bin, dass mir jemand sagte: „Sie waren schon in Urlaub, nicht wahr?“ (Bisher hörte ich nur ein gnädiges, von Mutter ausgesprochenes: „Doch, du hast Farbe bekommen.“).
Ich hätte vom Meer berichten können, einer Reise, die teilweise so schöne Orte bereit hielt, dass ich überlegte daraus einen Brigitte-Artikel zu verfassen. Könnte ja mal klappen, einen Artikel schreiben, und einfach einer Zeitschrift vorschlagen. Warum denn nicht?
Hab ich nicht getan. Hab ja nicht mal hier was davon erzählt. Bin ich vielleicht faul geworden?! Ja, vielleicht. Schreiben ist ja auch ein bisschen wir Sport. Man muss sich schon so einen kleinen Tritt geben. Computer anmachen, und das leere Dokument aufrufen, fühlt sich ähnlich an, wie Laufschuhe anziehen. Und hinterher ist man meistens fröhlich. Andererseits, was hat es für einen „Sinn“ hier zu schreiben? Ich weiss nicht, wer und ob überhaupt ich gelesen werde. Wenn ich gelesen werde, dann merke ich nichts davon. Ist auch in Ordnung. Ich habe verstanden, dass es nicht um Bestätigung geht. Manchmal eine Anregung, ein Auftakt zu einem „Gespräch“, „Leserbriefe“ sozusagen, wären natürlich schön. Aber ich bin ja genauso faul, und reagiere auch nicht auf die Blogs anderer.
Das Schreiben über Dinge kann nur einzig und alleine dann gut und sinnvoll sein, wenn ich einfach nur simplen Spass dabei habe. Für mich. Ohne Endziel. Keine Suchen nach Komplimenten und gar dem Wunsch nach „entdeckt werden“. Laufen geht ja auch, ohne dabei ständig vom Strassenrand beklatscht zu werden.
Und es macht mir Spass. Und wieder nehme ich mir vor, doch hin und wieder mein altes Ritual zu pflegen. Morgens Kaffee im Bett und dem Laptop was erzählen, ohne Plan einfach so, weil immer irgendwas raus kommt, und ich dann manchmal freudig überrascht bin, was da rauskommt.
Und ich habe auch schon eine Idee, worüber ich an einem der nächsten Morgende schreiben möchte. Es hat was mit den Kölschen Grundgesetzen zu tun. Denn die rücken immer mehr in den Vordergrund. Aber vielleicht kommt auch wieder alles anders, und ich melde mich das nächste Mal zu Weihnachten und kommentiere dann wieder meine Faulheit.
Faulsein zu dürfen ist doch toll, oder?!

Freitag, 21. Mai 2010

Morgens, halb sieben, in Ehrenfeld, die Auflösung

Mein Kioskmann ist doof. Er kennt seine Kunden nicht. Nicht mal die Stammkunden. „Machste mit nen Kaffee fertig,“ hörte ich heute morgen wieder, und diesmal habe ich sofort regaiert. Ich fühlte mich ein bisschen wie Amèlie Poulin, die dem Photomaten-Phantom auf die Schliche kommt. Ich ging ans Fenster und wollte ihn sehen. Er soll nicht länger das Morgens-halb-sieben-Mysterium zu sein. Ich bin bereit, ihn mir anzuschauen, die Magie des Nichtwissens zu zerstören. Die ist verrückt, werdet ihr denken. Ja, vielleicht ein bisschen, aber es war so ein herrliches Spiel. Nun ist es aus, denn ich habe ihn gesehen. Der Kaffeemann ist nun nicht mehr die mysteriöse Stimme, sondern hat ein Gesicht. Oder vielmehr eine schwarze Baseballkappe über einem Gesicht, dass ich nicht so gut erkennen konnte. Ich hatte Recht, mit der Vermutung, dass er Handwerker ist. Und dass er in ein Auto steigt, und dann mit seinem Kaffee losfährt. Handwerkskoffer in der einen Hand, Kaffee (schwarz übrigens), in der anderen, genauso hatte ich ihn mir vorgestellt.
Nun kann ich ihn mir nicht mehr vorstellen. Das Geschenkpapier ist ab.
Und von meinem vergesslichen Kioskmann bin ich enttäuscht.

Freitag, 14. Mai 2010

Morgens, halb sieben, in Ehrenfeld, die Fortsetzung

Jetzt wird`s mir langsam unheimlich. Ich beginne zu verstehen, dass es Menschen gibt, die immer mal wieder auf meinen Blog klicken, den aktuellen Text sehen, der seit Wochen derselbe ist, und dann enttäuscht die Seite zu machen. Ich habe Leser!!
Ich habe enttäuschte Leser?!? „Freundschaften muss man pflegen“. Leserschaften wohl auch?! Also, gibt es nun ein paar Worte. Keine Ahnung wozu, aber es wird Zeit. Auch für mich. Wie kann ich immer wieder behaupten, ich schriebe gerne, wenn seit Wochen „Morgens um zehn vor sieben in Ehrenfeld“ unter dem Schatten im Gemüsebeet geschrieben steht.
Oh, dazu fällt mir was ein, tiens! Ich war neulich beim meinem Kioskmann gegenüber, und wie wir mit der Bierflasche (die mit dem Brasilien-Deckel...) an der Kasse stehen, fällt mir ein, ich könnte ja mal fragen. Aus dem Fenster gucken, habe ich mich nie gewagt, vermutlich wäre das direkte Sehen mir ein Schritt zu weit. Als erstmal eine Beschreibung, oder vielmehr eine Bestätigung einholen. Also frage ich: „Hier kam immer, morgens gegen halb sieben, ein Mann, und wollte, dass du ihm einen Kaffee fertig machst. Der kommt gar nicht mehr?!“ „Was für ein Mann. Kaffee fertig?“ „Wie jetz? Ich höre, bzw. hörte doch morgens immer die Stimme, die ich hörte. Eindeutig ein Mann, der von dir einen Kaffee wollte. Nachher hörte ich eine Autotür zuschlagen.“ Nee, mit dem Auto gibt es keinen. Wenn es eine Frau, wäre wüsste ich sofort wen du meinst,“ kokettiert er, und ich rolle obligatorisch mit dem Augen. „Mach keinen Quatsch!“ Die ganze Welt weiß doch, was morgens um halb sieben in Ehrenfeld passiert (na ja, zumindest ein paar liebe Leser). „Vielleicht stimmt das mit dem Auto auch nicht, vielleicht war das nur zufällig in dem Moment als ich die Stimme hörte, dass irgendwo eine Autotür zuschlug. Aber da war doch definitiv ein Kunde, der regelmässig nen Kaffee wollte!?!“ „Vielleicht der Strassenfeger. Der kommt aber nicht jeden Tag. Der kommt nur dreimal die Woche so früh. Montags, Dienstags und Donnerstags kommt er von rechts. Dann nimmt er `nen Kaffee mit. Wenn er von rechts kommt, dann ist er zwei Stunden später dran. Dann nimmt er keinen Kaffee.“ Ich bin enttäuscht, und ein bisschen wie ein kleines Kind, dem man sagt, unter dem Weihnachtsmannkostüm steckt der Onkel Alfons. „Das haben wir nicht gehört, das Gespräch hat nicht stattgefunden, der Typ ist einfach total vergesslich, und kann sich seine Kunden nicht merken, es gibt ihn den Kaffee-Mann!“ möchte ich meinem Freund beim Rausgehen sagen.
Ich will nicht erwachsen werden.

Freitag, 9. April 2010

Morgens, zehn vor sieben, in Ehrenfeld

Er ist wieder da!!! Ich hörte seine Stimme wieder. Während ich noch schlafgemütlich die warme Bettdecke knetete und den aufmunternden Vögeln draußen zuhörte, mischte sich eine mir altbekannte Stimme zwischen das Vogelgezwitscher. Und sie hat beinah denselben Effekt: Sie macht Sommerlaune.
Welche Stimme? Was hat sie gesagt? Wieso Sommerlaune? Es ist die Stimme eines Mannes. Ein Mann, den ich nicht kenne. Ich weiß nicht, wie er aussieht, wie alt er ist, was das für ein Auto ist, dass er vor meinem Haus startet, aber ich kenne eine Gewohnheit von ihm. Er trinkt morgens zwischen halb und sieben einen Kaffee, den ihm mein netter Kioskmann gegenüber zubereitet.
„Machste mir nen Kaffee fertig?!“ ist wieder da! Und mit ihm kommen alle Gefühle des letzten Sommers wieder. Ich bilde mir gleich ein, draußen wären bereits 20 Grad und die Welt stünde zu allen Sommeraktivitäten bereit.

„Machste mir nen Sommer fertig!“ ...

Freitag, 2. April 2010

Ostern- mal anders

Ostern. Bisher dachte ich, das sei die Gelegenheit, zu der uns klar gemacht wird, dass wir im Grunde alle schlechte Menschen sind. Wir haben Vorurteile, wir schauen nicht mit Liebe und Verständnis, wir sind uneinsichtig, wir schließen uns der schlechten Masse an, anstatt selber zu denken, wir sind bösartig, bis hin zu brutal. So brutal, dass wir einen Menschen nicht nur töten, sondern ihn bloßstellen, ihm heftige Wunden zufügen und uns ein Schauspiel bieten, wo wir uns tagelang an unserer Foltergier ergötzen können.
Und dann passiert etwas, und wir Arschlöcher merken plötzlich, dass wir solche sind. Dass wir jemanden für eine Lüge getötet haben, die gar keine war. Die Ankläger werden zu den Sündern. Und wir schämen uns und besinnen uns auf eine bessere Welt. Wir dürfen verstehen, dass es Menschen gibt, die tragen so viel Liebe in sich, dass sie nicht mal laut werden, wenn es um ihr Leben geht. Sie verzeihen uns sogar noch.

Plötzlich erkenne ich, dass die Geschichte auch mal umgekehrt verstanden werden kann. So eine biblische Geschichte, ist ja immer ein Bild, was uns helfen soll, etwas zu verstehen. Ein bisschen auch Auslegungssache. Sie holt den Menschen da ab, wo er gerade ist. Und darum sehe ich die Ostergeschichte nun noch mal anders. In einem vorhergegangenen Blogbeitrag schreibe ich über Veränderungen. Die wunderschöne Erkenntnis, dass Veränderungen eines Menschen möglich sind.
Mal angenommen der Jesus ist tatsächlich ein Angeber. Er muss ja nicht rum erzählen, dass er Gottes Sohn ist. Er könnte schön bescheiden durch die Welt trapsen und sein gutes Werk tun. Tut er aber nicht. Tun wir Menschen aber nicht. Wir sind oft ganz schön ätzend. Wollen gesehen werden, plustern uns auf, brauchen Bestätigung, sehen mehr uns selbst, als die anderen. Vielleicht kommt irgendwann der Punkt, an dem uns das bewusst wird. Und anderen wird es auch bewusst. Sie klagen uns an, werfen uns Schlechtes vor, setzen uns einen Spiegel vor. Und in dem verkehrt herum verstandenen Ostermärchen verstehen wir das plötzlich. Wir erkennen endlich, dass wir scheiße sind. Und wir schämen uns. Wir werden ans Kreuz genagelt, und geben keine Widerworte. Wir haben Schmerzen. Wir leiden an uns selbst. Tagelang, vielleicht noch länger, hängen wir am Kreuz, nackt, blutend, hilflos. Irgendwann kommt kein Blut mehr, wir haben alles ausgeschwemmt. Wir werden heruntergenommen von dem anklagenden Kreuz, und irgendwo hingelegt, wo wir in Frieden sind. Die Scham ist weg. Wir haben begriffen. Wir hingen drei Tage an unserem eigenen Kreuz, haben verstanden und gebüßt. Der Mensch, der wir waren ist gestorben. Ein neuer macht sich langsam präsent. Sein Blut fliesst bereits in unserem geschundenen Körper. Immer spürbarer wird er , immer mehr kommt er zum Leben. Und irgendwann ist die Kraft wieder da. Soviel Kraft, dass wir sogar den Stein hinfort rollen können. Der Stein, die vielleicht letzte Hürde, um uns zu beweisen. Sind wir tatsächlich stark geworden? Können wir einen Stein ins Rollen bringen. Uns selbst als neuen Menschen? Ja, wir können.

Und plötzlich, wie ich mir meinen Text noch mal durchlese, merke ich: Man muss die Ostergeschichte gar nicht anders herum verstehen. So wie sie ist, sagt sie genau das aus: Veränderungen im Menschen sind möglich. Wir, als Ankläger, als Ans-Kreuz-Nagler, verhalten uns scheiße. Wir erkennen das und schämen uns maßlos, denn es geht hier an die Substanz. Es geht um Liebe. Um Menschlichkeit. Um Intelligenz. Wir werden wach und merken, wir haben von all dem keinen Funken ins uns. Aber uns wird verziehen. Wir bekommen die Möglichkeit neu anzufangen. Und jetzt erst können wir durchstarten, denn die Energie der Scham, des Erschreckens über uns selbst ist so gross, dass sie uns trägt durch die Herausforderungen des neuen Lebens. Einem Leben, in dem es mehr Liebe, mehr Menschlichkeit, mehr Intelligenz geben soll.

Weihnachten ist das Fest, wo die Liebe geboren wird. Ostern die Gelegenheit zu zeigen, ob wir es begriffen haben.

Mittwoch, 24. März 2010

Arschbomben-Gedanken

„Kannst du nicht mal was über die „Arschbombe“ schreiben?“ fragte mich mein Freund. Klar, warum nicht, wenn mir was zu Hundekot einfällt, dann ist Arschbombe geradezu ein Geschenk für mich. Denn Arschbombe ist mehr als nur Arschbombe.
Die Arschbombe gehörte bisher nicht zu meinem Leben. Weil ich nicht ins Schwimmbad gehe, weil ich auch im Meer eher der nur-Füsse-am-Rand-Platscher bin, und in unbekannte Gewässer sowieso schon keinen Sprung ins Ungewisse mache. Ich weiß nicht, wie es ist, bei 30 Grad, 10 Meter vom Beckenrand zu stehen, mit glühendem Kopf und rasendem Herz, Anlauf zu nehmen, den Rand anzuvisieren, mit Schwung abzuspringen, fliegen, den ersten Pozipfel auf s Wasser klatschen zu spüren und gleich hinterher zu sinken, tief und gurgelnd Richtung Schwimmbeckenboden. Auftauchen, die Blicke in Empfang nehmen, die lachenden der Gutgelaunten und die anklagenden der Muffelmenschen.
Es scheint mehr dahinter zu sein, als nur ein Hüpfer ins erfrischende Nass. Die Arschbombe wird soziologisch, denn sie spaltet die Bevölkerung in Optimisten und Pessimisten. Die Arschbombe wird psychologisch, denn sie wird, alleine in der Vorstellung, ein Gefühl für mich. Ein Lebensgefühl.
„Ich will eine Arschbombe ins Leben machen,“ sagte ich. Kopfüber ins Leben springen, das gab es schon. Kopfüber find ich langweilig. Arschbombe ist irgendwie lustiger. Ein Kopfsprung ist so elegant und zart, vor allem ist der Köpper ein Alleingang. Der Kopf auf der Brust, man ist bei sich, schwungvoll und zielstrebig. Das ist schön, aber die Arschbombe kann noch mehr. Sie führt auch zum Ziel, aber mit den Armen in der Luft, die Freude zeigen und teilen. Wer kann schon lachen, wenn er einen Köpper macht?! Der Po rausgestreckt, wie eine kleine Provokation an das Schlechtgelaunte in der Welt. Mit meinem Hintern zerdrücke ich die Ernsthaftigkeit.
Es wird Frühling, es wird Sommer. Arschbombenzeit!
Wenn nicht jetzt, wann dann!...

Donnerstag, 18. März 2010

Frühlingsmorgens in der Kölner Südstadt

Frühlings-Schlendrian

„Frühling- Wo bleibst du?“ steht bei "Paul`s Schwester" (wer jetzt denkt: Paul kenne ich nicht. Erst recht nicht seine Schwester, dem sei gesagt: Kann man kennenlernen. Severinskirchplatz. Ein Suchspiel! ☺ )
Gestern ist er gekommen. Der erste Tag, an dem alles anders war. Man plötzlich früh morgens wach wird, und nicht mal grummelt, dass man aufstehen muss. Die Luft von draußen ist anders (so man ein Fenster aufhat), die Geräusche klingen wärmer und gedämpfter, die Winterstille ist vorbei, muntere Vogelstimmen machen einem Lust auf den Tag. Beim Kaffee hat man kaum Ruhe, überlegt schon fast das Getränk in einen Thermobecher zu füllen und draußen zu trinken, während man eine Station später in die U-Bahn steigt. Oder gar das Rad nehmen heute? Zum ersten Mal wieder?! Aber das Schönste kommt erst noch: Das Anziehen. Man macht mal wieder den Schrank auf, anstatt wieder und wieder die Klamotten vom Vortag und Vorvortag zu nehmen. Die Klamotten der letzten Wochen scheinen veraltert. Die Strumpfhose weglassen, die nackten Beine an der Hose spüren. Dem Hals mal wieder etwas Luft geben. Aber das Allerschönste: Die Winterjacke bleibt am Haken. Endlich nicht mehr sich verschnüren wie ein Päckchen, einfach lässig die „Übergangsjacke“ übergeworfen. Gestern sah man gar schon Menschen, die diese am Finger baumeln, über der Schulter trugen. Man sah gestern sowieso Dinge, die man Monate nicht sah: Menschen, die langsam gehen. Menschen, die wohl gedopt von diesem Gefühl Frühling, einander anschauen, wenn sie auf der Strasse vorübergehen, und ein unsichtbares Augenzwinkern zu tauschen scheinen, dass sagt: „Toll, nicht!? Endlich!“
Ich finde in der Südstadt ist der Frühling besonders schön. Sollte ich Nicht-Kölnern einen Ort empfehlen, an den sie an den ersten, diesen magischen Frühlingstagen gehen sollten, dann wäre das die Südstadt. Ich würde ihnen sagen: „Macht euch früh auf den Weg. Ohne Frühstück, ohne Kaffee. Denn den Ersten solltet ihr bereits draußen nehmen. Im Stehen, mit redseligen, bunt gemischten Menschen aus dem Veedel um euch herum. Dafür gibt es zwei Varianten. Beide Welten voneinander entfernt, aber auch wieder nicht.
Variante 1: Formula Uno. Caffé Latte trinken bei den Italienern. Im besten Fall hin und her pendeln zwischen drinnen und draußen. Auf dem Bürgersteig sitzend die morgendliche Welt beobachten, die in dieser kleinen sympathischen Strasse so gemütlich ist, Kaffee trinken, vielleicht die Morgenzigarette rauchen, die Morgenzeitung blättern, gähnen. Hineingehen, noch einen Caffé bestellen, dabei mit einem Menschen an der Theke ins Gespräch kommen, den zweiten Kaffee von mehr Worten begleitet an der Bar trinken, langsam munter werden.

Variante 2: Den ersten Kaffee bei Bäckerei Merzenich nehmen. Da geht man nicht wegen dem guten Kaffee hin. Den hast du in Variante 1. Aber bei Merzenich hast du den perfekten Beobachtungsposten. Hier siehst du alle und alles. Den Frühaufsteher-Rentner, der sich hier zu seiner Frühaufsteher-Frühstückrunde trifft. Menschen, die wohl auf etwas warten (zum Beispiel auf einen Arztbesuch), und dies hier bei einer Tasse Kaffee und einem Käsebrötchen tun. Bei Merzenich bist du inmitten von allen. Handwerker, die ein Fleischwurstbrötchen verschlingen, Schulkinder, die eine Capri Sonne kaufen, Mütter, die ihren Kleinen ein Rosinenbrötchen in die Hand drücken. Und du bist am Verkehrsknotenpunkt. Direkt am Chlodwigplatz, hier muss jeder vorbei. Es ist ein schönes Gefühl die Menschen, die zur Arbeit müssen, von seinem Stehtischchen aus beobachten zu können und zu wissen: Ich muss nicht zur Arbeit. Ich kann hier stehen und euch zuschauen. Das ist das Merzenich-Gefühl.

Nachdem Variante 1 oder 2 hinter einem liegt, könnte man erstmal ein paar Schritte gehen. Vom Formula Uno aus zum Beispiel in Richtung ....

Wenn es dann langsam Zeit für s Frühstück wird, fallen mir wieder mindestens zwei Varianten ein. Die gibt es vielleicht morgen. Hoffentlich auch noch ein Frühlingstag.